Eine neue Geschichte,
die ich im Rahmen der Abschiedsveranstaltung
am 27. August 2009
in der Bücherei
für Ulrich Pagenstecher
gelesen habe.
Hier als Pdf-Datei für Sie
hinterlegt.
Viel Spaß beim Lesen
wünschen die Stadtbücherei, Becky und ich!
... für eine Woche auf der Insel:
Immer wieder
aufs Meer schauen,
die Worte tauchen auf am Horizont,
glitzern, schimmern und toben auf den Wellenköpfen,
brechen ein, tauchen ab und unter
kommen näher
fühlbar
sie ankommen lassen,
bis das Meer sie mir an den Strand trägt ...
M E E R W O R T E
Es war einmal ein weites stilles Land, in dem die Wortmenschen lebten. Sie vermochten es, wie kein anderes Volk in ihrer Welt, jedem Wort, egal, ob gedacht, geschrieben oder gesprochen, das ihm ureigene Wesen zu entlocken, das es ausmachte. Es war, also ob sie da-hinter fühlen konnten, seinen Klang hören, seine Farben sehen, seinen Duft riechen, seinen Geschmack schmecken und seine Kraft spüren konnten. Worte waren für sie das Kostbarste, was sie besaßen.
Sie lebten auf kleinen Inseln im großen Meer der Worte, das täglich Wortwellen ans Ufer spülte. Sobald ein kleiner Mensch alt genug war und glaubte genug Worte zu kennen, verließ er die Insel, auf der er aufgewachsen war und segelte auf den Wellen der Phantasie davon. Das Wort, das seinen Namen bildete, war das Floß, das ihn trug. Erst wenn er SEIN Wort gefunden hatte, dieses unverwechselbare EINE, das ihm bei der Geburt ins Ohr geflüstert wurde, würde er wissen, wo sein Platz in der Welt der Worte fortan sein sollte.
Auch Jose machte sich an ihrem 18. Geburtstag auf den Weg. Da ihr Name aus vier Buchstaben bestand, wäre ihr Wortfloß eigentlich sehr schmal und klein gewesen.
Doch Jose, die durch ihre Neugier und ihren Wissensdurst längst mehr Worte kannte als ihre um zwei Jahre ältere Schwester Marga, die vor zwei Jahren mit ihrem Mann und ihrem gemeinsamen Wort „Heimat-Hafen“ auf die Insel ihrer Eltern zurückgekehrt war, hatte von ihrem Großvater eine Woche vor ihrem Geburtstag einen zweiten Namen erhalten, der ihr kleines Floß vergrößerte: Fine.
Wie hatte sich Josefine auf diesen Tag gefreut! Schon Monate vorher konnte sie nachts nicht mehr schlafen, weil sie begann, die Worte schon zu hören, wenn sie an Land gespült wurden. Dann war sie mitten in der Nacht einfach aufgestanden und hatte den Geschichten des Meeres zugehört. Es war verboten, die Worte vor Tagesanbruch aufzusammeln. Die Ältesten der Wortmenschen glaubten, dass es Unglück bringen würde, wenn angespülte Worte einfach so aufgelesen und weitergegeben würden. Deshalb übernehmen sie jeden Morgen die schweigend durchgeführte Wort-Auslese.
Josefine war das Zuhören irgendwann nicht mehr genug, und sie hatte angefangen, mit den Worten, die erst am Tage von den Ältesten eingesammelt und im Buch der Bücher aufbewahrt wurden, zu spielen, sie zu verändern und aus ihnen eine neue, ihre Geschichte, in den Sand zu schreiben.
Ihr Großvater, der wie kein anderer mit den Worten und ihrer Schönheit und Macht vertraut war, hatte vom nächtlichen Treiben seiner Enkelin gewusst und geschwiegen, weil er in ihr etwas sah, was ihn staunend, respektvoll und auch mit ein wenig Angst, nicht eingreifen ließ. Die Worte aus dem Großen Meer hatten ihm das vor langer Zeit geflüstert, und er hatte lange nicht glauben wollen, dass es seine Enkelin war, von der sie sprachen. Ihm war schwer ums Herz, weil er sie gehen lassen musste. Er sah in ihr die ihm selbst so vertraute Sehnsucht nach mehr Worten, nach neuen Wortufern, nach dem Wort, mit dem die eigene Geschichte beginnt und endet.
Als er sie am Morgen ihrer Abreise umarmte, wollte er sie nicht mehr loslassen, so sehr liebte er sie. Und genau deshalb ließ er sie gehen. Auch Josefine hatte Tränen in den Augen und wünschte sich auch für einen kurzen Moment hier auf der Insel bei ihm zu bleiben und weiter von ihm zu lernen.
„Ich habe dir alles beigebracht, was ich weiß. Jetzt bist du reif für die Suche nach deinem Wort, das dir bei deiner Geburt ins Ohr geflüstert wurde.“ Diese Worte klangen noch in Josefine nach, als sie ihn und die Insel längst nicht mehr sehen konnte. Josefine trocknete sich die Tränen und schaute zum Horizont …
Als sie dieses wunderbare Bild der unendlichen blauen Weite in sich aufnahm, tauchte es auf - ihr Wort. Sie lachte, als sie es sah, denn ein Teil in ihr hatte es längst gekannt.
Es wird bis heute erzählt, dass die Wortsammlerin Josefine in die Welt hinausfuhr, um Worte zu sammeln, denn das war ihre Bestimmung. Sie schrieb sie auf und schickte sie ihrem Großvater, der so an dem teilnahm, was sie erlebte.

Abwarten
bleiben
fest-stecken
bei
der Klinke,
die aus dem Leben führt
fest-halten
aus Angst ...
...vor dem Leben,
das zu nah an mich herankommt,
mich
soviel spüren lässt
Genug
gewartet
geblieben
festgesteckt
bei
der Klinke
die nichts bewegen darf
los-lassen
aus Freude,
aus Neugier
aus der Lust am LEBEN ...
Als ich heute Morgen meinen letzten Text vom 14. April las, war ich selbst so von mir be-rührt, wie selten zuvor …
…, weil ich mich in dem Moment wahr genommen habe.
…, weil ich vergessen hatte, dass ich diesen Text geschrieben habe …
…, weil „es“ mich, wenn ich da bei mir bleibe, trägt und zwar überallhin.
…, weil ich selbst es bin, die dafür Sorge trägt, immer wieder neu.
…, weil ich genau DAS nicht mehr mit zu vielen Worten wieder weg-schreiben möchte.
Im Moment spüre ich das nächtliche Traumgefühl, wobei die Handlung eher nebensächlich ist, noch Stunden später in meinem Tag.
Gestern und vorgestern war es ein getragenes Gefühl, das mich meinen Tag schon um 6.00 Uhr hat beginnen lassen. Ja!
Heute bin ich mit einem ziemlich verlorenen Gefühl wach geworden und spürte sehr schnell den Drang mich und den Beginn des Tages wieder müde zu schlafen, um dem Gefühl auszuweichen. Nein!
Gestern, vorgestern, heute, jetzt. Jetzt GERADE spüre ich, wie verloren ich mich fühle,
…wenn ich das Meer in mir verlasse,
…wenn ich mehr nach außen schaue,
…wenn ich ein vernünftiges Ziel anstrebe und schon ohne mich da bin und mich wundere, dass (s)ich alles so leer anfühlt.
Jetzt GERADE spüre ich mich am Meer.

Foto: Renate Witt-Frey
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