Die Marionettenspielerin

Meine Mutter starb vor einer Woche, drei Tage nach ihrer letzten Vorstellung. Sie starb, als sie das aufgab, für das sie gelebt hatte. Sie bezahlte mit dem höchsten Preis für dieses Leben: mit ihrem eigenen Leben.

Ich möchte Ihnen heute von ihr erzählen, von der Frau, die eine ganz besondere Gabe hatte, […]

Wenn sie in die Stadt kam, waren ihre Vorstellungen Wochen und Monate im voraus ausgebucht. Wer sie und ihr Marionettenspiel einmal gesehen hatte, bekam nicht genug von ihr und ihrem Spiel.

Bei jedem Auftritt, wenn sie ihren Figuren die Bühne überließ, entfachte sie in den Menschen eine solche Sehnsucht nach mehr, dass jede und jeder im Publikum ihr und ihren Figuren  nah sein wollte.

Mir erging es da nicht anders. Ich wollte ganz nah bei meiner Mutter sein, wenn sie die Marionettenspielerin war! Ich erinnere mich noch heute an meine allererste Abendvorstellung, die ich mir mit sechs Jahren wochenlang erbettelt und erfleht hatte.

[…] Was hatte ich nicht alles versprochen, getan und gefunden, um sie zu überreden. Schließlich gab sie nach, weil meine …

Sie mochte es nicht, dass ich da im Publikum saß. Erst viel später begriff ich, wovor sie Angst hatte und, dass sie mich beschützen wollte.

An diesem Abend erweckte sie ihre vielen Figuren vor allen Augen zum Leben, so schien es mir. Jede einzelne Figur, die anfangs noch leblos in den Seilen hing, erwachte zum Leben, wenn die Marionettenspielerin begann, die anfangs noch sichtbaren, Fäden zu ziehen.

Und die Fäden blieben nur solange sichtbar, solange sie die Illusion aufrechterhielt, dass sie es war, die die Fäden und die Figur führte. Sobald ich das vergaß, waren es die Figuren, die sich selbst führten. Die Figuren begannen vor meinen Augen ihr Eigenleben. Ich wartete immer auf den Moment, in dem sie von der Bühne herunter in den Zuschauerraum sprangen.

Für das, was sie auf der Bühne mit ihren Figuren vollbrachte, fehlen mir bis heute die Worte, weil diese nicht einmal annähernd das beschreiben können, was für eine Wirkung meine Mutter auf die Menschen und mich hatte.

Da auf der Bühne war sie ganz und gar die Marionettenspielerin. Nur da konnte sie so sein. Verließ sie die Bühne, wirkte sie auf mich wie eine ihrer Marionetten, die ihren Ausdruck und ihre Kraft verloren hatte, wenn sie in die Koffer hinter der Bühne zurückgelegt wurden. Ihren Augen fehlte jeder Glanz.

Immer wieder rannte ich nach einer Vorstellung zum Bühnenausgang, um sie so zu erleben, wie sie noch Sekunden vorher gewesen war. Nicht einmal war ich schnell genug.

Ich wollte sie so nicht, wie sie dann war: kraftlos und müde. Zu müde, den Alltag hinter der Bühne mit mir zu verbringen. Das überließ sie unserem Kindermädchen und Hauslehrern.

Ein Alltag, der so gar nichts von dem Zauber und der Sehnsucht hatte, den sie am Abend auf der Bühne verbreitete. Ich fragte mich immer, wo die Marionettenspielerin war, wenn sie bei mir war. Lange glaubte ich, es sei wegen mir und wünschte mir nichts mehr, als ihre Lieblingsfigur zu sein.

[…]

An diesem Abend, der als der Abend ihrer allerletzten Vorstellung in die Geschichte eingehen würde, verweigerte ihre Lieblingsfigur den Dienst und ließ sich einfach in ihren Fäden hängen. Es schien, als wären diese Fäden, die die Figur und die Marionettenspielerin miteinander verbanden, nicht mehr da.

Ich hatte diese Figur so sehr in mein Herz geschlossen, dass ich auf die Bühne rannte, um ihr zu helfen. Doch nichts, was ich tat, konnte daran etwas ändern.

Die Marionettenspielerin, in deren Gesicht ich in diesem Moment zum ersten und letzten Mal die kraftlosen und müden Augen meiner Mutter sah, legte  die Figur ganz in meine Hände. „Sie gehört dir. Ich habe sie zu lange gespielt“, flüsterte sie mir zu.

Sie holte eine neue Figur aus ihrem dunkelblauen Koffer und spielte weiter, als sei nichts gewesen. Etwas hatte sich verändert, als sie weiterspielte. Ich sah zum ersten Mal meine Mutter, hielt die Figur im Arm und weinte lautlos.

Die Marionettenspielerin verschwand an diesem Abend.

Sie war es müde geworden, immer wieder auf die Bühne zu gehen und zu spielen. Sie hatte ihr Leben lang nichts anderes getan als diese eine Marionettenspielerin zu sein. Marionettenspielerin zu sein, bedeutete ihr alles, weil es alles war, was sie kannte. Es bedeutete ihr, sich auszukennen, zu wissen, was morgen kam und darauf zu vertrauen, dass mit jeder neuen Vorstellung die Dunkelheit hinter dem Vorhang immer nur die Dunkelheit hinter dem Vorhang blieb.

Sie begann jede einzelne Figur in den für sie bestimmten Koffer zurück zu legen. Jeder Koffer war von innen mit weichem Samt ausgelegt. Behutsam legte sie jede einzelne Figur hinein, sortierte die Fäden und strich noch einmal zärtlich über den Kopf und das Gesicht jeder Figur, bevor sie den Koffer schloss.

Der letzte Koffer blieb heute leer. Ihre Hände zitterten, als sie den Koffer schloss und zu den anderen stellte. Sie hatte heute ihre wichtigste Figur verschenkt. An ihre Tochter. […]

Sie hatte die Zuneigung ihrer Tochter gespürt und ihre Angst um die Figur und der Dunkelheit dahinter. Sie würde sich gut um sie kümmern, bis es gut war – wie bei ihr.

Es war ihre älteste, stärkste und größte Figur gewesen, die immer den Vorhang hinter ihr im Auge behielt. Und sie bekam eine Ahnung davon, dass sie zugelassen hatte, dass sie damit auch sie hier festhielt. Die Marionettenspielerin, die keine mehr sein wollte, drehte dem leeren Zuschauerraum den Rücken zu und wandte sich mit geschlossenen Augen dem Vorhang zu. Ihre Hand umschloss den Koffergriff. Langsam öffnete sie die Augen. Der wunderschöne dunkelblaue Vorhang, den sie jetzt erblickte, sah sie lange schweigend an:

„Endlich! Du warst eine brillante Marionettenspielerin, die vergessen hat, dass sie selbst es ist, die ihre Figuren lenkt und nicht die Figuren es sind, die dich führen. Jetzt bist du die, die den Vorhang zur Seite schiebt.“

 Sie lässt den leeren Koffer dort auf der Bühne stehen, der ist für die Figur, die jetzt ihre Tochter gehört, die alt genug ist, selbst zu entscheiden, ob sie ein Leben als Marionettenspielerin führen will. Sie geht langsam auf den Vorhang zu, hebt die Arme und berührt mit ihren Händen den wunderbar weichen Stoff des Vorhangs. Noch niemals zuvor hat sie so etwas Weiches, Wunderbares gefühlt.

Sie verließ das Theater durch den menschenleeren Vordereingang und ging, so dachte sie, zielsicher auf  ihr Lieblingscafé auf der anderen Straßenseite zu. Im Darauf-Zugehen blieb sie plötzlich mitten auf der Straße stehen …

Sie spürte, dass sie diese Richtung nur deshalb gehen wollte, weil sie ihr so vertraut und sicher war.

Dieser kurze Augenblick des Innehaltens reichte aus, zum ersten Mal die schmale Straße daneben zu entdecken. Sie zögerte noch einen kurzen Moment, weil ihr flaues Gefühl im Magen immer größer wurde und bis in den Hals stieg, wo es als Kloß stecken blieb. Sie schluckte schwer und  zögert noch einen kurzen Moment, weil ihr flaues Gefühl im Magen immer größer wird und bis in den Hals steigt, wo es ihr als bitterer, im Hals kratzender Geschmack aufstößt, der sie solange husten lässt, bis sie es ausspuckt.

Erst jetzt, geht sie mit zittrigen Beinen, geht sie weiter über die Straße UND an ihrem Lieblingscafé v o r b e i.

Das Café, in das sie am Ende der nächsten kleinen Seitenstraße gelangt, ist eines, in dem sie vorher noch nie war.

Hier habe ich sie getroffen, meine Mutter. Hier, in meinem Lieblingscafé, haben wir uns zum ersten Mal wirklich unerhalten.

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