Du oder als 2003 alles anfing

„Fang an!“
„Womit?“
„Schreiben!“
„Was machen Sie da?“
„Schreiben, wie du, wenn du mal anfängst!“
*aus Forrester gefunden*

Du, du warst sofort da in meinem Kopf, als ich diese Aufgabe las. Ich habe dich gesucht und lange nicht gefunden, denn es sind zehn Jahre her, dass wir uns das letzte Mal schreibend begegnet sind. Auf dem Dachboden habe ich dich gefunden, bei all den anderen. Was musste ich nicht alles aus dem Weg räumen, bis ich die verstaubte Kiste fand, in der du verstaut warst. Riesige Pappkartons von elektronischen Geräten, die hier oben die Garantiezeit ihrer Inhalte überdauerten, um dann zum Altpapier gebracht zu werden. Und oben auf in deiner Kiste, der kitschig rote Weihnachtsschmuck. Der, den ich letztes Jahr und das Jahr zuvor schon entsorgen wollte.
Du hast mich mit Nichtbeachtung gestraft, was ich dir nicht verübeln kann. Ich weiß, ich bin nicht sehr respektvoll mit dir umgegangen, nachdem du vollgeschrieben warst. Hilft es dir, wenn ich dir sage, dass du das Erste warst und ich keines so geliebt habe wie dich? Du warst, bist und bleibst meine erste große Notizbuch-Liebe. Eben nicht irgendeine, sondern eine, die mich bis heute immer wieder zu dir greifen lässt.
Da auf dem Parkplatz, hinter dem Rathaus, in der Mittagspause habe ich dich das erste Mal liebevoll in der Hand gehalten, behutsam über deinen Einband gestrichen. Die April-Sonne schien und das helle Patchwork- Grün deines typischen Clairefontaine-Einbandes funkelte in der Sonne. Vorsichtig habe ich dich bis zu deiner ersten Seite aufgeschlagen, ängstlich und respektvoll bemüht, keinen Knick in die Seite zu machen.

Ich habe auf Anja gewartet. Anja war meine Arbeitskollegin, die immer zu spät kam. Meistens nervte mich das, an diesem Tag hätte sie ewig wegbleiben können. Ich nahm meinen blauen Füller, den ich immer bei mir hatte, und schrieb mit zitternden Händen meinen Namen: Sabine Hinterberger. Fortan würde ich das mit jedem deiner Nachfolger so tun. Oben links auf die Rückseite deines Einbandes. 17.04.2001.
Es kam mir vor, als hätte ich meinen Namen noch nie in meinem Leben geschrieben. Hatte ich so auch nicht, denn diesen in dich hineinzuschreiben, war etwas Besonderes, war wie Kaffee mit einem dunklen Cookie. Beides gab es in meinem Lieblingscafé „Fuchs und Hase“ neben der Stadtkirche.
Dich verdankte ich dem Film „Forrester – gefunden“, den ich die halbe Nacht immer und immer wieder angeschaut habe, nachdem ich einen Tag zuvor das Buch gelesen hatte und deshalb um halb zwölf zu spät ins Büro kam.
„Halb zwölf?“, wirst du fragen. „Wie kannst du es um diese Uhrzeit schaffen, noch zu spät ins Büro zu kommen?“
Ganz einfach, der Postbote brachte das Buch zum Film um halb neun und seitdem hatte ich mit einer Tasse Kaffee nach der anderen in ihm gelesen.
So war das schon immer. Ich kann eintauchen in die Welten hinter den Buchstaben und wenn sie mich fesseln, dann tauche ich ganz ab und bleibe solange in der hinter ihnen verborgenen Welt, bei ihnen, bis es nicht mehr anders geht. Ganz oder gar nicht. Das war schon immer so. An diesem Tag auch. Dieses Buch fesselte mich und ich vergaß die Zeit, meinen Job und all das, was in meiner Wohnung sonst noch auf Erledigung wartete. Sollten sie doch alle warten…
Ach ja, entschuldige, die Szene aus dem Film, die dich zu mir brachte. Diese eine, ich erzähle sie dir: Eine kurze Einleitung, du weißt ja auch noch nicht, dass es neben den Büchern die Filme sind, in deren Bildern ich genauso gerne abtauche und mit neuen Ideen, Figuren und Geschichten zurückkomme.
William Forrester ist Schriftsteller und Mentor; der 16Jährige Jamal Wallace Schüler und sein Mentee. Unfreiwillig übernehmen beide zunächst ihre Rolle. Es ist die Leidenschaft für das Schreiben, die sie auf eine „eigen-willige“ Art verbindet.

Diese tiefe, ja, freundschaftliche Beziehung ist es, die William ins Leben zurück und Jamal in seine eigene Welt des Schreibens begleitet.
In dieser besagten Szene öffnet Jamal sein Schließfach in einem halbdunklen Gang in einer ganzen Reihe von Schließfächern. Im Hintergrund ein sich küs-sendes Pärchen, das niemanden außer sich selbst wahrnimmt. Die geöffnete Schließfachtür schützt vor neugierigen Blicken. Jamal nimmt seine Notizbücher, die er mit einem Gummiband zusammengehalten hat, öffnet eines und fängt an, im Schließfach, in sie hineinzuschreiben.
Sie waren wie du. Und in dieser zärtlichen Geste lag etwas, was mich nicht anders handeln lassen konnte: ich spulte diese eine Stelle immer und immer wieder zurück und sah sie mir an, konnte mich nicht satt sehen, an der Art, wie Jamal die Seiten beschrieb, mit der Hand, Wort um Wort in Großaufnahme.
Ich ging am nächsten Morgen, vor der Arbeit, in den Schreibwarenladen, von dem ich wusste, dass sie dich dort führen. Ich musste gar nicht lange suchen, denn mein Blick fiel sofort auf die Stelle im Regal, an der du auf mich gewartet hast. Du hast dich, das habe ich natürlich bemerkt, aber nie zum Thema zwischen uns gemacht, schon ein wenig nach vorne an den Rand des Regals gedrängt. Ich griff nach dir und es war um mich geschehen.
In diesem Moment wusste ich, ohne Worte dafür zu haben, dass du der Anfang bist. Der Anfang einer langen Reihe deiner Art, die bei mir im Regal schon in zweiter und dritter Reihe stehen. Mit dir begann ich zu schreiben und habe seitdem nie wieder damit aufgehört.
Da auf dem Parkplatz, hinter dem Rathaus, in der Mittagspause habe ich dich das erste Mal liebevoll in der Hand gehalten, dir behutsam über deinen Einband gestrichen. Die ersten Worte gelangten mühelos auf deine Zeilen, so, als hätten sie schon immer nur auf meine Worte gewartet:
Kopfunter.

Eintauchen in weißes Papier.
Untergehen.
Aufsteigende Luftblasen beobachten.
Auftauchen.
In den sauber geschriebenen Text.
Durchnässt bis auf die Haut.
Bis auf das letzte Wort.

Dieser Tag war ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag. Doch genau darin fand ich mit dir das, was mich bis heute begleitet und nicht mehr loslässt. Durch dich fand ich das Schreiben.

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