Die letzte Nacht des Jahres

Ich liebe die Nacht, wenn die Dunkelheit alle Geräusche des Tages verschlingt und ihr Schweigen über die Welt legt. Doch am meisten liebe ich die letzte Nacht des Jahres, in der das Alte aufhört zu existieren und das Neue beginnt. In keiner anderen Nacht ist so viel Magie spürbar. In keiner anderen Nacht möchten die Menschen, mich eingeschlossen, so vieles anders, besser und schöner machen.
Vielleicht suchte sich meine Patentante auch genau diese Nacht aus, um mir die Wahrheit über mich zu sagen. Wir saßen in ihrer kleinen Wohnung am Kachelofen. Sie hatte ihre selbst gestrickte, rotgestreifte Wolljacke an und saß an ihrem Lieblingsplatz: auf der Ofenbank, davor der Beistelltisch, der unter der Last der Bücher, die auf ihm lagen, schier zusammenzubrechen schien.
Auf der Fensterbank zur Straße zündete ich gerade die erste Kerze des zweiarmigen Kerzenleuchters an. Punkt 22:00 Uhr. Ihre Geburtsstunde vor 51 Jahren.
„Herzlichen Glückwunsch, Hanna ohne „H“!“ Sie war die Hanna ohne „H“ und ich die mit „H“.
„Wenn die Kleine schon den Namen der Patentante erhalten soll, dann bitte mit einem zusätzlichen individuellen „h“. Das hatte sie meinen etwas verdutzten Eltern zu meiner Geburt erklärt.
Ich überreichte ihr mein Geburtstagsgeschenk, dass dieses Jahr, ich gebe es zu, ein wenig kleiner als die Jahre zuvor ausgefallen war. Mein Psychologie-Studium fraß Semester um Semester alle meine Ersparnisse erbarmungslos auf. Wenn ich es nicht bald erfolgreich beendete, würde ich es aufgeben müssen. Doch daran wollte ich heute Nacht nicht denken.
„Kind, du bist verrückt, wie viel Arbeit du dir wieder gemacht hast. Du sollst doch nicht.“
„Ich soll nicht, aber ich will, Hanna!“ Ich wusste, es gefiel ihr. „Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben“ war ihr Lieblingsgedicht von Rilke. Ich hatte es in meiner besten Kalligraphie-Schrift abgeschrieben und rahmen lassen:

Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!
Sie zu halten, wäre das Problem.
Denn, wen ängstigts nicht: wo ist ein Bleiben,
wo ein endlich Sein in alledem? –

Sieh, der Tag verlangsamt sich, entgegen
jenem Raum, der ihn nach Abend nimmt:
Aufstehn wurde Stehn, und Stehn wird Legen,
und das willig Liegende verschwimmt –

Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; –
aber auch in ihnen flimmert Zeit.
Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt
obdachlos die Unvergänglichkeit.

(Aus dem Nachlaß des Grafen C. W.)

„Ich danke dir, Hannah!“ Ihre Augen glänzten. „Lass uns anstoßen!“ Sie hob ihre kleine Teetasse an und ich die meine. Mit Earl Grey stießen wir auf ihren Geburtstag an.
„‚Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben! Sie zu halten, wäre das Problem.‘ Sie zu sehen, wenn es sie noch gar nicht gibt.“ Meine Patentante sagte diese Zeilen ein wenig gedankenverloren in den Raum hinein.
Die Zeit und vor allen Dingen die Zeit von morgen, die Zeit, die heute noch nicht existierte, war schon immer etwas, was sie faszinierte. war, was man im Volksmund, eine Wahrsagerin, nannte. Wie normal das für mich als Kind war, dass Menschen zu meiner Patentante kamen, um von ihr die Karten gelegt zu bekommen, merkte ich erst, als ich in die Schule kam und dort stolz vom Beruf meiner Patentante erzählte.
„Das ist doch kein Beruf. Wahrsagerei ist lächerlicher Aberglaube, ein Relikt aus dem Mittelalter und gefährlich obendrein!“ Meine Lehrerin war da zu sehr Realistin, als dass sie in der Lage gewesen wäre, den Beruf meiner Patentante, der außerhalb ihrer kleinkarierten Welt lag, zumindest zu akzeptieren.
Seit diesem Tag prügelte ich mich regelmäßig mit irgendwelchen idiotischen Kindern, die über meine Patentante lästerten. Sie konnten eigentlich nichts dafür, plapperten sie doch das Gerede ihrer Eltern nach, die ihre unreflektierten Ängste von sich gaben und auf ihre Kinder übertrugen, die das für wahr hielten.
Als ich wieder einmal mit einer Beule am Kopf und einer zerrissenen Jacke nach Hause kam, wollte ich es wissen: „Wieso sind die Menschen so?“
„Ich mache ihnen Angst, weil ich anders bin. Doch es sind dieselben Menschen, die heimlich zu mir kommen, um Antworten auf ihre Fragen zu bekommen, die sie in ihrem beschützten und geregelten Leben nicht finden und auch nicht zu stellen wagen!“
Sie gab mir auf jede meiner Fragen zur Wahrsagerei und Zukunftsdeutung eine Antwort. Doch in ihren Wahrsage-Raum durfte ich nie, sie verschloss ihn jedes Mal sehr sorgfältig und in den ganzen Jahren habe ich es, trotz einiger Anstrengungen, nie geschafft, ihn von innen zu sehen. Der war ihren Kunden, zumeist Kundinnen, vorbehalten.
Sie zeigte mir ihre Bücher und Geschichten, in denen ich meine Antwort selbst suchen sollte. Vielleicht war das mit ein Grund, dass ich Psychologie studierte und dabei besonders deren Randgebiete: Parapsychologie.
Als ich alt genug war oder besser glaubte mit zwölf endlich alt genug zu sein, bat ich sie, mir meine Zukunft vorauszusagen. Ich hatte mich da in einen Jungen verliebt. Tobias war eine Klasse über mir. Tennis-As mit den schönsten grünen Augen seit Luke Skywalker.
„Nein, ich werde dir weder heute noch an irgendeinem anderen Tag die Zukunft lesen.“
„Wieso nicht? Den anderen liest du sie doch auch!“
„Ja, und ich sehe bei vielen, dass sie sich davon abhängig machen und es versäumen, sich auf ihre Stärken und Fähigkeiten zu verlassen. Sie lehnen sich zurück und warten ab oder bekommen eine solche Angst, dass sie nicht mehr weiterleben können wie zuvor.“
„Wenn das so gefährlich ist, wieso liest du ihnen dann die Zukunft? Weil sie dich bezahlen?“
„Nein, Hannah, ich lese auch nicht jedem, der zu mir kommt, die Zukunft. Nur den Menschen, die mit wirklich existentiell wichtigen Fragen kommen. Und dazu gehören nicht die Fragen: Sind Tobias und ich im nächsten Jahr zusammen? Hat mein Mann eine andere? Soll ich Lotto spielen? Nein, denn dann würde ich mich auf die Stufe von Jahrmarktswahrsagern stellen, die den Menschen nur das Geld aus der Tasche ziehen wollen.“
„Kennst du denn die Antworten auf ihre Fragen?“
„Ja, und zumeist auch ihre Fragen, wenn sie sie noch nicht gestellt haben! Ich verspreche dir, wenn du einmal mit einer Frage kommst, die dich bis ins Mark berührt und dir eine Herzensangelegenheit ist, dann werde ich dir eine Antwort geben. Doch bis dahin verlass dich auf dich und dein Herz, dann wirst du zwar nicht wissen, wie es in der Zukunft aussieht, aber was richtig ist.“
Die Sache mit Tobias hatte sich eine Woche später erledigt. Er fragte die gertenschlanke Luzie, die ebenfalls Tennis spielte, ob sie mit ihm gehen wolle. Ich hasste sie, Tobias und auch meine Patentante für einen langen Monat, weil sie mir das nicht vorher gesagt hatte.
Ich suche bis heute Antworten, die mir erklären, wie es sein kann, dass meine Patentante die Zukunft vorhersehen kann. Immer nur die der anderen. Bis heute nicht meine und auch nie ihre eigene, was ich noch weniger verstehe. Das ist, als würdest du einen Lottogewinn ausschlagen.
„Hannah, jetzt kommt die zweite, deine, Kerze.“
„Ist es schon so spät?“ Ich schaute auf die Uhr. 23:45 Uhr. Ja, meine eigene Geburtsstunde. Ich war wie meine Patentante in der Silvesternacht vor 21 Jahren geboren. Ich zündete die Kerze an. Das Streichholz erlosch, als ein kühler Windhauch über die Flamme strich. Dasselbe wiederholte sich noch drei Mal. Erst beim vierten Mal gelang es mir die Kerze zu entzünden. Ich schaute auf die Straße und glaubte einen Schatten an der gegenüberliegenden Hauswand zu entdecken. Doch als ich die Flamme des Streichholzes auspustete und noch einmal hinschaute, war da nichts weiter als eine graue, schmutzige Hauswand.
„Hannah, heute Nacht habe ich ein Geschenk für dich, das nicht eingepackt werden kann.“
Ich drehte mich zu meiner Patentante herum und kniete mich auf die Bank am Kaminofen, neben ihren Sessel, mein Lieblingsplatz bei ihr.
„Du liest mir die Zukunft!“
Sie lachte. „O, nein, mein Kind! Aber, es hat etwas mit dieser Fähigkeit zu tun. Ich stelle dir diese Frage, heute in der Silvesternacht, nur einmal. Und du kannst nur einmal antworten, dann ist die Tür wieder geschlossen.“
„Mach es nicht so spannend, Hanna!“
„Geduld war noch nie deine Stärke, Hannah. Es ist keine einfache Frage und ich bitte dich, genau abzuwägen, was du mir antwortest, denn da wo Licht ist, ist auch Schatten und jede Gabe hat ihre Schattenseiten, die der Preis für ihren Besitz sind.“
„Bitte!“ Ich rutschte unruhig hin und her, wie früher zu Weihnachten, kurz vor der Bescherung, wenn ich das Gefühl hatte, der Stundenzeiger würde nie mehr bis auf die sechs gelangen. Natürlich erkannte ich auch den Ernst der Situation, doch das machte mich nur noch unruhiger und ungeduldiger.
Sie nahm meine linke Hand in die ihre und schaute mich mit ihren Augen durchdringend an:
„Du bist die Nächste. Du bist die Nächste in einer langen Reihe, die heute die Fähigkeit von mir übertragen bekommt, in die Zukunft zu sehen, wenn du sie annimmst und versprichst, sie immer nur zum Besten einzusetzen und dich niemals an ihr zu bereichern.“
Meine Patentante verstummte.
Ich schaute sie an und war sprachlos. Ich fühlte mich in einen schlechten Kinofilm hineingezogen. Oder ich träumte gerade und das keiner der guten Träume.
„Du hältst das alles für Humbug, Hannah, oder?“
„Ja, wenn ich es mit den Worten von Scrooge halten würde, würde ich sagen: ‚Humbug, sage ich, alles Humbug!‘“
„Ich kann es dir nicht beweisen, dass es so ist und werde dich auch nicht zu überzeugen versuchen. Du musst entscheiden, ob du, nur du, daran glaubst und glauben willst und über die Grenzen deiner gewohnten Welt hinaustrittst oder nicht.“
Mir wurde heiß und kalt. Ich wollte glauben und konnte nicht, ich wollte das, was meine Patentante konnte, können und fürchtete mich auch davor.
„Kannst du meine Entscheidung in der Zukunft sehen?“
„Ja, du wirst dich so entscheiden, wie du es für richtig hältst! Ich werde mich hüten, dir deine Entscheidung vorauszusagen. Du würdest nicht mehr ohne Beeinflussung sein können. Du sollst ohne jegliches Wissen deiner Zukunft dich jetzt und hier entscheiden. Bis Mitternacht hast du Zeit. Danach ist die Tür verschlossen.
Ich schaute auf die Uhr: 23:58 Uhr. Na super, wie immer in meinem Leben, kam alles auf den letzten Drücker und dann musste es auch noch richtig und gut sein.
„Also?“
„ 23:59 Uhr. Noch zehn Sekunden bis zum neuen Jahr!“ Der Radiomoderator zählte langsam zurück: „10. 9. 8. 7. 6. 5. 4. 3.“
„Hannah?“
„2.“
„Ja!“
Meine Patentante schaute mich an. „Eine kluge Entscheidung. Gib mir auch noch deine rechte Hand. Bist du bereit?“
„Wofür?“
„Für deine erste Zukunftsversion, die mich betrifft, weil ich sie dir übertragen habe. Schließ deine Augen!“
Ich nickte, schloss meine Augen und sah nichts. Ich wollte sie schon wieder öffnen, als ich die Hand meiner Patentante spürte: „Hab Geduld, Hannah, sieh und hör genau hin!“
Und als ich es tat, bereute ich es bereits, denn was ich sah, war der Schatten von vorhin, vor dem Fenster, der meine Patentante tötete. Ich sah alles mit an und konnte nichts dagegen tun. Nicht in der Vision und auch nichts in der Zeit danach, als ich alles versuchte, dieses Ereignis zu verhindern. Seit diesem Tag verfluchte ich meine Gabe in die Zukunft zu sehen und wünschte mir nichts mehr, als die Vergangenheit zu verändern.

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