Die Wortmenschen

Es war einmal ein weites stilles Land, in dem die Wortmenschen lebten. Sie vermochten es, wie kein anderes Volk in ihrer Welt, jedem Wort, egal, ob gedacht, geschrieben oder gesprochen, das ihm ureigene Wesen zu entlocken, das es ausmachte.
Es war, also ob sie da-hinter fühlen konnten, seinen Klang hören, seine Farben sehen, seinen Duft riechen, seinen Geschmack schmecken und seine Kraft spüren konnten. Worte waren für sie das Kostbarste, was sie besaßen.
Sie lebten auf kleinen Inseln im großen Meer der Worte, das täglich Wortwellen ans Ufer spülte. Sobald ein kleiner Mensch alt genug war und glaubte genug Worte zu kennen, verließ er die Insel, auf der er aufgewachsen war und segelte auf den Wellen der Phantasie davon. Das Wort, das seinen Namen bildete, war das Floß, das ihn trug. Erst wenn er SEIN Wort gefunden hatte, dieses unverwechselbare EINE, das ihm bei der Geburt ins Ohr geflüstert wurde, würde er wissen, wo sein Platz in der Welt der Worte fortan sein sollte.

Auch Jose machte sich an ihrem 18. Geburtstag auf den Weg. Da ihr Name aus vier Buchstaben bestand, wäre ihr Wort-Floß eigentlich sehr schmal und klein gewesen.
Doch Jose, die durch ihre Neugier und ihren Wissensdurst längst mehr Worte kannte als ihre um zwei Jahre ältere Schwester Marga, die vor zwei Jahren mit ihrem Mann und ihrem gemeinsamen Wort „Heimat-Hafen“ auf die Insel ihrer Eltern zurückgekehrt war, hatte von ihrem Großvater eine Woche vor ihrem Geburtstag einen zweiten Namen erhalten, der ihr kleines Floß vergrößerte: Fine.

Wie hatte sich Josefine auf diesen Tag gefreut! Schon Monate vorher konnte sie nachts nicht mehr schlafen, weil sie begann, die Worte schon zu hören, wenn sie an Land gespült wurden. Dann war sie mitten in der Nacht einfach aufgestanden und hatte den Geschichten des Meeres zugehört. Es war verboten, die Worte vor Tagesanbruch aufzusammeln. Die Ältesten der Wortmenschen glaubten, dass es Unglück bringen würde, wenn angespülte Worte einfach so aufgelesen und weitergegeben würden. Deshalb übernahmen sie jeden Morgen die schweigend durchgeführte Wort-Auslese.

Josefine war das Zuhören irgendwann nicht mehr genug, und sie hatte angefangen, mit den Worten, die erst am Tage von den Ältesten eingesammelt und im Buch der Bücher aufbewahrt wurden, zu spielen, sie zu verändern und aus ihnen eine neue, ihre Geschichte, in den Sand zu schreiben. Ihr Großvater, der wie kein anderer mit den Worten und ihrer Schönheit und Macht vertraut war, hatte vom nächtlichen Treiben seiner Enkelin gewusst und geschwiegen, weil er in ihr etwas sah, was ihn staunend, respektvoll und auch mit ein wenig Angst, nicht eingreifen ließ. Die Worte aus dem Großen Meer hatten ihm das vor langer Zeit geflüstert, und er hatte lange nicht glauben wollen, dass es seine Enkelin war, von der sie sprachen. Ihm war schwer ums Herz, weil er sie gehen lassen musste. Er sah in ihr die ihm selbst so vertraute Sehnsucht nach mehr Worten, nach neuen Wortufern, nach dem Wort, mit dem die eigene Geschichte beginnt und endet.

Als er sie am Morgen ihrer Abreise umarmte, wollte er sie nicht mehr loslassen, so sehr liebte er sie. Und genau deshalb ließ er sie gehen. Auch Josefine hatte Tränen in den Augen und wünschte sich auch für einen kurzen Moment hier auf der Insel bei ihm zu bleiben und weiter von ihm zu lernen.
„Ich habe dir alles beigebracht, was ich weiß. Jetzt bist du reif für die Suche nach deinem Wort, das dir bei deiner Geburt ins Ohr geflüstert wurde.“ Diese Worte klangen noch in Josefine nach, als sie ihn und die Insel längst nicht mehr sehen konnte. Josefine trocknete sich die Tränen und schaute zum Horizont…

Als sie dieses wunderbare Bild der unendlichen dunkelblauen Weite in sich aufnahm, tauchte es auf – ihr Wort. Sie lachte, als sie es sah, denn ein Teil in ihr hatte es längst gekannt.
Es wird bis heute erzählt, dass die Wortsammlerin Josefine in die Welt hinausfuhr, um Worte zu sammeln, denn das war ihre Bestimmung. Sie schrieb sie auf und schickte sie ihrem Großvater, der so an dem teilnahm, was sie erlebte.

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