Wenn die Nacht am tiefsten ist, wird das erste Wort der Geschichte des neuen Jahres erzählt

Bild: Tanja Graumann

Heute und nur heute ist die Nacht, in der die Seele sich dem Menschen in der Gestalt seiner größten und tiefsten Sehnsucht zeigt und offenbart. Nur in dieser Nacht hat die Seele den geborgenen Schutz der langen Nacht, der über die alltägliche, unendliche Geborgenheit zwischen Heute und Morgen hinausgeht. Die Gestalt kann eine Phantasiefigur, ein anderer Mensch, eine Begegnung, ein Wort, eine Geschichte und und und sein…
Sie wartete auf ihn. Auf den dunkelblauen Wolkenvogel. In dieser Gestalt war ihr ihre Seele im letzten Jahr begegnet. Als sie einen Schatten am dunkelblauen und sternenklaren Nachthimmel entdeckte, spürte sie eine kribblige Aufregung in ihrem Magen, die sie lange nicht mehr gespürt hatte. Als die fliegende Gestalt näher kam, traute sie ihren Augen nicht. Immer näher kam ein blauer Nachtdrache. Sie erkannte ihn sofort bei seinem Namen, obwohl sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte. In diesem Jahr und dieser Nacht war es also nicht mehr der dunkelblaue Wolkenvogel, der sich zu ihr gesellte.
Sie rückte auf dem Dachfirst ein Stück zur Seite.
„Danke, das ist lieb, dass du mir auch Platz machst. Ich soll dich ganz herzlich grüßen von du-weißt-schon-wem“! Er lachte und schaute sie mit seinen funkelnden Augen an.
„Danke, du hast seine Augen.“
„Ja und der hat meine Augen und ich habe deine Augen. Du vermisst ihn noch immer.“
„Ja und nein, vielmehr vermisse ich das, wofür er in meinem Leben steht.“
„Weißt du mittlerweile, wofür er steht.“
„Ja und nein: Ich wollte einen Roman schreiben und dann habe ich dieselbe Geschichte in einem Gedichtzyklus geschrieben. Worte, die am Rande des Schweigens, verdichtet, eine ganze Geschichte erzählen.“
„Und, bist du stolz auf das, was du möglich gemacht hast oder wünschst du dir immer noch eine Neuauflage der anderen Geschichte?“
„Ich glaube nicht, ich versuche mich von ihr zu befreien, doch irgendwo in mir gibt es einen Teil, der an etwas glaubt, dass es mal gegeben hat und heute nicht mehr gibt und vielleicht auch nie existiert hat.“
„Wer sagt dir, dass diese Verbindung nicht weiterbesteht, auf eine Art, die du dir vielleicht nicht einmal beim Schreiben vorstellen kannst?“ Der blaue Nachtdrache legte seinen linken Flügel um sie und er lauschte mit ihr in die Stille dieser Nacht.
„Du wirst eine leuchtende Stille in dir finden, die du kennst, die dir vertraut vorkommen wird und die frei ist von Schweigen, das dich auffrisst, frei von Illusionen, die dich festhalten und frei von Verletzungen, die dich zurückweichen und verbittert werden lassen.“
„Wie kannst du da so sicher sein?“, fragte sie mit den ungezählten Tränen des letzten Jahres in ihren Augen.
„Ich weiß es, ich spüre es, weil ich du bin!“ Der blaue Nachtrache sah sie lange und aufmerksam an: „Vertraue auf dich und das, wofür er steht, dann wirst du deinen Weg wieder gehen und schreiben können. Mach dich frei von dem, was dich aus dem Leben, wie es ist, gehen lässt!
Und ja, um deine nicht gestellte Frage zu beantworten: Ich weiß, wie schwer das ist, denn ich bin es, die mich und dich schützen will. Und ich bin heute im Schutz der Nacht hier bei dir, um dich daran zu erinnern, an was du zutiefst glaubst und was du dann zutiefst liebst und wem du vertraust!“
„Das ist es, oder?“
„Ja, das ist es! Alles wie immer und nichts mehr wie es war.“

Und sie saßen noch bis zum Morgengrauen in der Stille dieser Nacht, in der unzählige Sternschnuppen sich die Erfüllung ihrer dunkelblauen Sehnsucht wünschten, an die sie zutiefst glaubten, trotz und alledem…

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