Der letzte Brief für A.

Lieber A.,

gerade habe ich noch am Schreibtisch an meinem Rechner gesessen und mich durch Sätze gequält, die sich zum Thema Vorsätze formieren sollten, das aber wieder einmal nicht taten, allem Kaffee zum Trotz, schließlich ging es ja um Vorsätze und für meine wird das Heißgetränk mit sechs Buchstaben jedes Jahr aufs Neue mit dazugehören.

Genau in diesem Moment klingelte das Telefon. Brigitte. Ihre Stimme verriet mir, dass etwas passiert war. Sie fragte mich, ob ich schon etwas wisse oder… Sie brach den Satz ab. Nein, ich wusste noch nichts, ahnte aber, dass dieser Anruf nichts Gutes bedeutete.
Dann sagte sie es mir. Dass du am Samstag an einem Herzinfarkt gestorben bist. Du, der du so sportlich warst, sehr auf deine Ernährung geachtet hast und für den viel Bewegung und Spazierengehen einfach dazu gehörte. Meist dann, wenn andere noch schliefen, hast du dich auf den Weg gemacht.

Du?
Nein, das kann nicht wahr sein!
Schließlich bist du nur zehn Jahre älter als ich. Das geht nicht.

Ich hörte Brigittes Worte, doch ich begriff sie nicht. Ich habe sie jetzt hier, wieder am Rechner, immer noch nicht wirklich begriffen. Ich versuche in geschriebenen Worten nach dem Sinn dessen, was ich eben gehört habe… Ich sitze ohne jedes Zeitgefühl da und starre auf den Bildschirm und den blinkenden Cursor…

Ich habe überhaupt keinen Hunger, aber ich habe einen Apfelstrudel gegessen, mit viel Vanillesoße. Ich weiß, Süßigkeiten hast du auch immer wieder gerne gegessen, vor allen Dingen Eis.
Ich habe noch einen Kaffee getrunken, so wie immer. So, als wäre nichts passiert. So, als hätte ich das Telefonat gar nicht geführt. Klassische Verdrängung, die alles in Vanillesoße untergehen und verschwinden lässt. Jetzt liegt mir der süße Klumpen mit der Nachricht schwer und unverdaulich im Magen und rebelliert. Ich hätte es besser wissen müssen.

Jetzt konnte ich auch die Telefonnummer auf meinem Anrufbeantworter einordnen. Deine Tochter hatte angerufen. Sie war dein Adressbuch durchgegangen und machte heute diese schwierigen Anrufe. Ich weiß, wie kostbar die Beziehung zu ihr war und wie viel sie dir bedeutet hat.

Und dann taucht da dieses Bild in meiner Erinnerung auf, das mich schmunzeln lässt, trotz der Nachricht. Ich hole meine Fotokiste und krame solange, bis ich das Foto gefunden habe. Das war vor mehr als fünfzehn Jahre, als du das Quitscheentchen (Genau, das Wort musste ich gerade im Duden nachschauen, weil ich mir einfach nicht merken kann, ob es zusammengeschrieben wird oder nicht!) in die mit Wasser gefüllte Plastikschüssel vor deinem Zimmer ausgesetzt hast, bzw. hast schwimmen lassen. Ich höre dich heute noch lachen, Ja, das konnte ich immer wunderbar mit dir. Wir haben viel Spaß zusammen gehabt und doch gehörten lange und ernste Gespräche genauso dazu.
Und ja, natürlich habe ich mein Quitscheentchen auch immer noch!

Andere Bilder tauchen auf: Tischtennis spielen, Wasserball in dem viel zu kleinen Hallenbad mit der niedrigen Decke und die Gute-Nacht-Runde um halb elf, die den Waltons mehr als gerecht wurde.
Unsere fast jährlichen Ausflüge zu diversen Weihnachtsmärkten, bevor wir zu Brigitte nach Oberhausen fuhren. Egal, von welchem Weihnachtsmarkt wir auch kamen, selbst nach mehreren Abstechern ins Centro, wir haben uns immer verfahren!
Bis auf das letzte Mal, du weißt, 2011, da hat es noch so viel geschneit, da hatte ich mein neues Navi und da haben wir zum ersten Mal den Weg zu Brigitte auf Anhieb gefunden. So schnell waren wir noch nie da. Natürlich konnte sie uns nicht glauben, dass wir zu ihr gefunden hatten, ohne uns zu verfahren. Hatten wir!

Eine Mail von dir war selten. Der PC und du, ihr hattet es nicht so sehr miteinander. Doch ich habe noch eine Mail von dir. Die ist nicht einmal eine Woche alt. Es ist die letzte. Die, in der du schreibst, dass wir es in diesem Jahr unbedingt zu Brigitte schaffen müssen…
Dass es so schnell geht… Dass es so schnell zu Ende gehen kann, das weiß mein Verstand, irgendwie und er will es nicht wissen. Das hätte ich nicht gedacht. Das hätte ich niemals für möglich gehalten. Dieser Satz verliert seine Gültigkeit, wenn der Tod näher rückt.
Ja, wir haben es im letzten Jahr nicht mehr auf den Weihnachtsmarkt oder zu Brigitte geschafft. Anderes schien wichtiger zu sein. Wie viel Zeit vergeuden wir mit Dingen, die wir für so wichtig halten und doch nicht mehr ändern können, so sehr wir uns das auch noch wünschen. Ich brauchte Zeit, um zu begreifen, dass ich für einen anderen Menschen gestorben war, der mir immer noch am Herzen lag. Das war 2012.
Und heute, am zweiten Tag von Zwanzig Dreizehn, stehe ich da und kann und will einfach nicht begreifen, dass du gestorben bist. Du, der du mir am Herzen gelegen hast.

Ich werde dich vermissen, lieber Freund! Wo auch immer du jetzt bist, bist du in unseren und meinen Gedanken. Vor allen Dingen am Meer, weil ich weiß, wie sehr du das geliebt hast!

Iserlohn, 02.01.2012

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