Jeden Sonntag 1 – Redford oder DiCaprio

Den ersten Sonntagstext (Pdf-Datei) habe ich heute Vormittag im Sugarbird Cupcakes, im ersten Cupcake Café in Düsseldorf, geschrieben.

Jeden Sonntag, wenn die Welt um sie herum noch schlief, ging sie mit der Stille, die sie wie eine alte Freundin an der Hoftür, bei den mit Werbeprospekten überquellenden Briefkästen, begrüßte, durch die Straßen der Stadt. Sie schlenderte durch die besondere und leuchtende Stille des frühen Sonntags und hörte genau hin.
Sie lauschte den Geschichten der Stadt. Hatte sie genug gehört, nahm sie die leiseste Geschichte aus der Sonntagsstille; die, die nur der hören kann, der ganz genau zuhört und durch die Misstöne und lautstarken Worte der Wochentage hindurchhören kann. Aus dieser Geschichte kreierte sie einen ihrer legendären und bis über die Stadtgrenzen hinausreichenden Spezial-Cupcakes, in denen jeden Sonntag neu eine dieser Geschichten verrührt wurde. Mit jedem Bissen und verstärkt durch einen Kaffee erzählte dieser besondere Sonntagscupcake seine Geschichte.
Von überallher kamen sie, um ihre Geschichten-Cupcakes zu genießen…

Redford oder Di Caprio
„Oma, den musst du dir anschauen, unbedingt, der ist so geil!“
Emmi Wellinghofen schaute ihre Enkelin Caro stirnrunzelnd an. In der Welt ihrer 12-jährigen Enkelin war alles geil. Mittlerweile erkannte sie am Klang und der Betonung des Wortes genau, die wahre Bedeutung dahinter und welches andere Adjektiv sie benutzen könnte. Dieses aufgeregte und hochrote „geil“ von heute war ein Synonym für das Lieblingswort von Emmi Wellinghofen: Ausgezeichnet.
Caro stand mit hochrotem Kopf und ihrem ständigen Begleiter, dem neuen Smartphone, in ihrer Küche. Sie war mit ihrer besten Freundin Alex im Kino gewesen. Natürlich nicht in dem kleinen, alten Programmkino an der Ecke, da liefen die angesagten Filme nicht, sondern in dem hochmodernen Kino-Komplex, in dem es jetzt 3D-Kino gab und immer zu viel Popcorn auf dem Boden lag und auch liegenblieb, weil den gehetzten Mitarbeitern die Zeit fehlte zwischen den Vorstellungen ordentlich sauber zu machen. Dieses Kino hatte keine Atmosphäre mehr, wie früher, als es um das Erlebnis Kino ging. Damals, als Edwin… Sie seufzte.
„Oma, hast du mir überhaupt zugehört?“ Caro fuchtelte vor ihren Augen mit ihrem Smartphone, das mit einem künstlichen Vogelzwitschern neue Nachrichten ankündigte.
„Caro, wenn du möchtest, dass ich mir das in meinem Leben noch einmal antue, diesen Film im Kino anzuschauen, dann hätte ich jetzt gerne drei Synonyme für geil!“
„Ach Oma, wie du redet heute doch keiner mehr, also ich meine, nicht mehr so mit Worten, die keiner kennt.“
„Soll ich mir den Film jetzt anschauen, oder nicht? Also, ich warte!“
„O.K., ich muss aber erst googeln!“
„Caro, du wirst doch wohl in der Lage sein, drei Begriffe für dieses Wort zu finden, ohne danach im Internet zu suchen, ich bitte dich!“
„Oma, das tut doch heute keiner mehr. Alle googeln!“
„Ich war noch nie alle und werde auch nicht zu allen werden. Also!“
„O.k.. Also, die Schauspieler waren sehr überzeugend, Leonardo war echt g…, äh, ich meine natürlich, er überzeugte in seiner Rolle und, Oma, diese blauen Augen, unglaublich, die haben geleuchtet wie das Meer, letztes Jahr in Griechenland, so tief und klar… Und die Bilder, die lassen mich immer noch nicht los, die hallen noch in mir nach. Kennst du das, Oma?“
„Ja, natürlich, nur habe ich damals einen anderen Gatsby angehimmelt. Robert Redford.“ Emmi Wellinghofen dachte an Edwin und an ihren ersten Kinobesuch in dem alten Kino an der Ecke. Hier hatte sie sich zum ersten Mal verabredet, die Pepsi geteilt und sich im Dunkeln das erste Mal geküsst. An der Stelle, als Robert Redford seine Mia Farrow das erste Mal bei Nick Carraway zum Tee wieder traf…
„Bow, der ist ja schon voll alt, Oma. Der hat auch mal Gatsby gespielt, na jaaa…“ Caro schaute ihre Oma lachend an und zeigte ihr ein altes Kinoplakat von Robert Redford auf ihrem Smartphone. Emmi staunte über die Qualität des Bildes. Es schien ihr, als würde sie in der Zeit zurückreisen und noch einmal mit Edwin da im Kino sitzen: Reihe B, Platz 4 und 5. Der beliebte Kuschelsitz, den es damals schon gab, weil die Armlehne zwischen den beiden Sitzen kaputt war und Kalle Bäumer, der Besitzer, es nie reparieren ließ.
„Wenn sich die Leute an mein Kino erinnern, dann werden sie sich an diese Sitze, den ersten Kuss und mehr erinnern, mehr will ich gar nicht.“, hatte er immer schmunzelnd in seiner kleinen Kartenkabine am Eingang gesagt.
Er war im selben Jahr gestorben wie Edwin, das war jetzt schon drei Jahre her.
„Oma, ich habe eine Überraschung für dich!“ Caro schaute ihre Oma mit funkelnden Augen an. „Hier, schau mal!“
Emmi Wellinghofen schaute auf das Display des Smartphones ihrer Enkelin.
„Wir können den Film mit Robert Redford jetzt da auf diesem D-ing sehen?“ Emmi Wellinghofen betrachtete die ersten Sequenzen ungläubig und misstrauisch.
„Ja, Oma, das können wir. Wie wär`s? Ich koche uns einen Tee und du holst uns ein paar deiner unvergleichlichen Cupcakes!“ Caro schaute sie erwartungsvoll an.
„Ja, das tun wir!“ Wenn Edwin das noch erlebt hätte. Er war mit dieser Technik immer besser und weniger ängstlich umgegangen wie sie. Seitdem er tot war, hatte sie seinen PC nicht mehr eingeschaltet
„Ich hätte es mir mit dir angeschaut, liebste Emmi, das tue ich jetzt auch, viel Spaß dabei, ich bin bei dir!“, flüsterte Edwin und Emmi lachte, als sie zwei Spezial-Gatsby-Cupcakes aus der Dose in der Küche holte.

  1. Liebe Sabine, danke für diese Geschichte, gefällt mir! Und Robert Redford finde ich g… besonders in „Ein unmoralisches Angebot“…

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