Jeden Sonntag – 2 – Der Sonntag nach Wembley 2013

„Hau ihn weg, Hummel!“ Jan rief aufgebracht in den Fernseher, als würde das irgendetwas ändern und als würde der ihn hören können.
„Der heißt Hummels, Jan und spielt für Dortmund, die übrigens die gegnerische Mannschaft ist!“ Emmi Wellinghofen schaute ihren Enkel zweifelnd an.
„Ich war noch nicht soweit!“, konterte Jan und wurde nur ein wenig rot.
Emmi Wellinghofen musterte ihren Enkel, der in einem viel zu großen Bayern-Trikot mit dem weiß geschriebenen Spielernamen „Robben“ auf dem Rücken, vor ihr saß, in dem er so deplatziert wirkte wie Kandis im Kaffee. Er war 14 Jahre alt und überhaupt kein Fußballfan, überhaupt nicht. Er konnte mit Fußball einfach nichts anfangen. Nicht, dass er es nicht gekonnt hätte. Er war sportlich, ging joggen, hatte Ausdauer, doch dieses Spiel war ihm fremd.
Für Bayern war er, weil Caro, seine drei Jahre jüngere Schwester, ihm gesagt hatte, er müsse jetzt auch mal einen Fußballverein gut finden und an seinem Nerd-Image arbeiten. Ein Nerd, so hatte Jan ihr erklärt, sei der Sammelbegriff für Jungs wie er einer sei, die so überhaupt nicht der Mehrheit entsprachen und sich daher auch für völlig andere Sachen interessierten, wie Mathematik und schreiben. Mathematik war ja schon grenzwertig, aber schreiben. Dass er das tat, wusste außer ihr niemand. Schreiben, das war das bestgehütetste Geheimnis der beiden. Nicht einmal seine neugierige Schwester Caro wusste das.
Auch jetzt saß er wieder auf ihrer Couch, den Laptop auf dem Schoss und schrieb. Hier bei ihr konnte er in Ruhe schreiben. Hier fragte niemand nach, wieso er bei einem solchen Spiel nicht mit seinen Freunden zum Public-Viewing unterwegs war und die Zeit lieber mit seiner Großmutter auf der Couch und Cola und Chips verbrachte.
„Wie weit bist du mit deiner neuen Geschichte?“, fragte Emmi Wellinghofen über ihre Teetasse hinweg. Ihre Frage, die sich neben ihn auf die Couch setzte und ihm zärtlich die Worte um die Schultern legte, erreichte ihn nicht. Das sah sie. Sein Bick war wie gebannt auf den Bildschirm gerichtet und seine Hände flogen förmlich über die Tastatur. Sie ließ ihn weiterschreiben und teilte ihre Aufmerksamkeit zwischen dem Spiel auf dem Bildschirm und
Als Robben die Bayern in der 87. Minute mit dem entscheidenden Tor zur Krone des europäischen Fußballs schoss, war Jan längst völlig in seiner Geschichte abgetaucht. Der Jubel auf dem Bildschirm erreichte ihn nicht mehr, auch nicht die anschließende Siegesfeier.
Der Piepton seines Smartphones holte ihn zurück, nur langsam tauchte Jan aus seinen geschriebenen Worten wieder auf. Sein Blick kam von ganz weit weg und nur langsam zurück in ihr Wohnzimmer, zurück auf die Couch. Jan schaute verdutzt auf sein Handy, dann auf den Bildschirm.
Ihr Blick traf Jans fragenden Blick.
„Das Spiel ist zu Ende, Oma? Caro hat gesimst!“
„Ja, Bayern hat mit dem Tor von Robben, dessen Trikot du den ganzen Abend getragen hast, knapp drei Minuten vor Schluss, gewonnen!“ Emmi Wellinghofen schmunzelte. „War ein tolles Spiel, oder Jan, du bayrischer Vorzeige-Fan?!“
Jan lachte. „Anscheinend!“ Schnell tippte er etwas auf die Tastatur seines Smartphones.
„Wie war es, in deiner Geschichte?“, fragte Emmi Wellinghofen ihren Enkel.
„Ich bin gut weitergekommen. Möchtest du es hören?“, fragte Jan mit leuchtenden Augen und zog sich das Trikot über den Kopf, das er dann achtlos in seinen Rucksack neben sich stopfte.
„Sehr gerne, darauf freue ich mich schon den ganzen Abend!“ Emmi Wellinghofen schaltete den Fernseher aus. Der schwarze Bildschirm zeigte jetzt nur noch ihre Schatten, die sich spiegelten und da auf der Couch saßen und den ersten Worten der Geschichte lauschten.

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