Jeden Sonntag – 3 – Der Spiegel im Spiegel

„Guten Morgen, Frau Wellinghofen“, begrüßte sie Nadja, die Besitzerin des Friseurladens in der Laarstraße, die sich gerade vor dem üblichen, samstäglichen Ansturm des Tages noch einmal eine Zigarette rauchte.
Emmi Wellinghofens Enkelin Caro hatte sie vor einem Jahr mal mir hierher mitgeschleift, als sie die Unterstützung ihrer Oma brauchte, als es um „Extensions“ ging, für die ihre Eltern ihr zusätzliches Geld verweigerten. Das tat Emmi auch, vermittelte ihr aber einen kleinen Nebenjob für ihre gehbehinderte Etagennachbarin, damit sich Caro das Geld dazu verdienen konnten. Nadja, die Besitzerin war so nett gewesen, hatte ihr erklärt, wieso diese „Extensions“ als knallig bunte Echthaarverlängerung gerade so hipp waren und überzeugte sie dann selbst davon mal eine anderen Kurzhaarschnitt auszuprobieren. Das tat sie und kam seitdem hierher.
„Wappnen Sie sich mit einem Rauchopfer für den Tag?“, fragte sie die junge Frau, die lachend nickte.
„Ja, mal schauen, was der Tag uns heute, außer neuerlichem Regen, so bringt. Und Sie, sind die vier Wochen wieder um?“
„Ja, genau, das kennen Sie ja, das ändert sich auch mit dem Alter nicht, über Nacht liegen die Haare einfach nicht mehr.“
„Dann nehmen Sie schon einmal Platz; ich komme sofort nach.“
Emmi Wellinghofen suchte sich einen Platz, den ihr der junge, schlanke und gutaussehende Mitarbeiter zuwies. Der, den Caro so süß fand und bei dem sie immer errötete, wenn sie von ihm erzählte. Emmi Wellinghofen musste schmunzeln, weil sie ihre Enkelin verstand; er hatte das gewisse Etwas, ohne Frage.
Sie nahm vor einem der Spiegel und einem der bunten Ölfässer Platz, die Ablage waren und unten einen ausgeschnittenen Platz für die Füße boten.
„Einen Kaffee, Frau Wellinghofen?“, fragte Caros Schwarm höflich und legte ihr dabei den schwarzen Frisierumhang um.
„Ja, bitte!“
Sie beobachtete, wie ein jüngeres Paar eine ältere, sichtlich skeptisch dreinschauende Dame in den Laden schob und vor allen Dingen die Frau mit dem schlechten Haarschnitt auf sie einredete.
„Aber Mutter, hier ist es echt toll und deine Haare, da müssen wir doch wirklich etwas tun, also schaue es dir doch zumindest einmal an!“ Sie schob die alte Dame weiter vor sich her. Der Mann hielt sich zurück und war mehr mit seinem Smartphone als mit der Situation beschäftigt.
„Aber, wieso kann ich nicht zu Gisela gehen, die ist doch am Montag wieder da!“
„Muttern, Montag hat sie eben nicht auf, außerdem ha sie Urlaub und ich kann nur heute mir dir hierher gehen, also bitte!“
Die alte Dame ließ sich überreden, weil Nadja die Situation rettete und mit der alten Dame sprach, sie nach ihren Wünschen für ihre Frisur fragte und Frau Nollner, so hieß sie, für einen wertvollen Moment ihre Unsicherheit mit dem Mantel an der Garderobe abgeben konnte. Sie nahm direkt neben Emmi Wellinghofen Platz, die ihr aufmunternd zunickte.
„Muttern, wir gehen mal und sind in einer halben Stunde wieder da!“
„Nicht, wenn der liebe Herrgott es verhindern kann!“, brummelte sie vor sich hin und schaute durch den Spiegel entschuldigend zu Emmi hinüber.
Emmi Wellinghofen lachte leise in sich hinein und flüsterte ihr. „Na, die meinen es aber mal so richtig gut mit Ihnen, oder?“
„Na und wie!“
„Ich kann Ihnen versichern, bei Nadja sind Sie in den besten Händen; ich komme schon seit einem Jahr hierher und bin sehr zufrieden. Meine Enkelin hat mich hierher geschleift, und sie hat mir einen Gefallen getan, die Haare liegen jetzt immer besser.“
„Na, wenn Sie das sagen, dann schaue ich mal. Bleiben Sie auch noch länger hier?“, fragte Frau Nollner, zunehmend erleichtert.
„Ja, meine Haare bekommen wieder neue Farbe und ich einen leckeren Kaffee!“ Emmi Wellinghofen lachte ihr noch einmal aufmunternd zu und wurde dann unter die Haube gesetzt, in der sie mit einem Buch ganz in die Umgebung hineintauchte, ohne sie noch wahrzunehmen.
Eine ihr bekannte Stimme riss sie aus ihrer spannenden Lektüre.
„Mensch Muttern, du siehst ja um Jahre jünger aus.“ Der Herrgott hatte Frau Nollners Gebet nicht erhört und ihre Tochter stand in der Tür und rief einmal durch den Laden.
Frau Nollner lehnte sich mit einem leuchtenden Augenzwinkern im Gesicht zu Emmi Wellinghofen herüber: „Natürlich, denn so alt wie meine Tochter möchte ich im Leben nicht aussehen!“ Sie reichte ihr zum Abschied die Hand und ging zu ihrer Tochter.
„Liebe Nadja, danke für diese tolle Frisur, ich komme gerne wieder!“ Nadja half Frau Nollner in den Mantel. „Vielleicht können Sie ja aus der Frisur meiner Tochter auch noch etwas machen?“
Frau Nollners Tochter öffnete den Mund, wurde blass, machte den Mund wieder zu, holte Luft, drehte sich herum und verließ ohne ein Wort des Abschieds den Salon.
„Annegret, das hätte ich nicht besser sagen können!“ Ihr Schwiegersohn, der sich bis zu diesem Moment wortlos mit seinem Smartphone unterhalten hatte, nahm ihre Hand und sagte: Diese Frisur geht auf mich und jetzt gehen wir beide, alleine, noch einen Kaffee trinken. Was hältst du davon?“
„Café Spetsmann klingt für diesen Anlass angemessen, aber den Kaffee, den bezahle ich!“ Frau Nollner strahlte übers ganze Gesicht, winkte Emmi Wellinghofen noch einmal zu und ging dann am Arm ihres Schwiegersohnes aus der Tür.

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