Jeden Sonntag – 4 – Schreiben wird dein Leben verändern

Hier findet ihr in den nächsten Tagen den heutigen Sonntagskaffee-Text aus dem Café zum kleinen Häuschen in der Altstadt von Soest auch als Pdf-Datei.

Eigentlich wollte Jan nicht und er wollte auch nicht mehr weiter darüber nachdenken, doch es ging ihm nicht aus dem Kopf. Es war schließlich ein himmelweiter Unterschied, ob er für sich alleine in seinem Zimmer saß und schrieb, wo niemand das mitbekam oder ob er zu dieser Fantasy-Werkstatt ins nahe gelegene Rathaus ging, wo ihn jemand erkennen konnte. Seine Schwester Caro, die total nervte und die mit Schreiben so wenig am Hut hatte, wie er mit ihren Daily Soaps, war, was das anging eh schon eine Zeitbombe auf zwei Beinen. Er wusste nie, was sie wieder Dämliches über ihn erzählen würde…
Na ja, er hatte ja noch eine Stunde und natürlich kannte er die Bücher des Autors, der die Werkstatt leitete. Jan hatte sie alle gelesen; er besaß die Fähigkeit, innerhalb von wenigen Zeilen völlig in eine Geschichte eintauchen zu können. Sehr zum Leidwesen aller um ihn herum, denn dann war ihm völlig egal, w er gerade war, in der Schule, zuhause oder sonst wo.
Es klingelte an der Haustür. Jan wusste genau, wer da vor der Tür stand. Es klingelte wieder. Energischer. Er wusste, sie würde nicht gehen- Sauer war sie, das war klar, also konnte er ihr die Tür auch aufmachen.
„Verflucht Jan, was machst du noch hier! Es ist zehn Uhr.“ Sie schaute ihn mit wütend funkelnden Augen an. Sie hatte geflucht, das kam bei seiner Großmutter Emmi Wellinghofen nur sehr, sehr selten vor.
„Ich…“ Er schaute sie an und kam nicht weiter, weil ihm keine gute Ausrede einfiel.
„Du willst mir doch jetzt nicht erzählen, dass nur deine Angst vor dem, was andere sagen könnten, dich davon abhält, zur Fantasy-Werkstatt zu gehen!“ Sie schaute ihn eindringlich an. „Also, ich höre! Und glaub mir, ich bleibe so lange hier stehen, bis du mir überzeugend versichern kannst, wieso du noch nicht unterwegs bist.“
„Du hast ja Recht, aber…“ Jan ließ seine Schultern hängen und verschluckte dabei die nächsten Worte. Mit Worten kannte er sich aus und die, die er jetzt aussprechen würde, wären farblos und ohne Kraft. Er wusste, dass sie Recht hatte, doch seine Angst schnürte ihm gerade den Hals zu und alle Worte, die hinauswollten, purzelten zurück, woher sie gekommen waren…
„Jan, mein letztes Wort. Wenn du jetzt nicht dahin gehst, gehe ich und sage, ich komme, weil mein Enkel sich nicht traut!“
Jan schaute sie entsetzt an. Er wusste, dass sie das tun würde. Und das machte ihm noch mehr Angst, als wenn er selbst dahin gehen würde.
„Ich gehe ja schon“, maulte er, zog sich die Schuhe an, schnappte sich seine Jacke, seinen Rucksack von der Garderobe und ging an ihr vorbei aus dem Haus.
„Ich weiß, mein Junge!“, hörte er sie noch hinter sich sagen und leise dabei lachen.
Jans schlechte Laune wurde mit jedem Schritt, den er von zuhause wegging, weniger. Seine Angst wurde größer, doch die hatte er im Griff und die würde er, wenn er erst einmal in dem Raum, an seinem Platz vor seinem leeren Blatt saß, mit seinen Lieblingsfüller in der Hand, mit grüner Tinte auf weißem Papier Wort für Wort wegschreiben. Das erste Lächeln schlich sich auf sein Gesicht und wurde von der Aufregung verfolgt, die sich immer stärker an der Angst vorbei und vor sie schob.
Als Jan den Raum betrat, wurde er von Sabine, die er aus dem Jugendzentrum kannte, wo er in den Computerclub zu Ingo ging, in einem leuchtendblauen T-Shirt begrüßt. Ingo war es auch, der ihn auf die Fantasy-Werkstatt aufmerksam gemacht hatte, weil er schon ein-, zweimal gesehen hatte, wie er am Computer geschrieben hatte, wenn es da nicht so voll war. Und hier spürte er immer wieder, dass sich alle für das interessierten, was ihn interessierte.
Es saßen da schon ein paar andere. Drei Mädchen, die in anschauten und ein Junge in seinem Alter. Alle hatten vor sich Papier und Stifte liegen. Wie entspannt und doch ungewohnt es für ihn war, seine Schreibutensilien, seine kleinen Schreibkladden, die er immer bei sich hatte, auszupacken, ohne darauf zu achten, dass ihn dabei jemand beobachten und auslachen würde.
Der Mann da rechts, der sich gerade mit Sabine unterhielt, das musste Rainer Wekwerth sein, den kannte er vom Plakat. Jetzt nickte er ihm freundlich zu und als alle Plätze belegt waren, ging es los. Sabine sagte irgendetwas von herzlich willkommen, Getränken und Plätzchen und wo das Klo sei, aber Jan war immer noch so aufgeregt, dass er nur die Hälfte davon mitbekam und dann begann Rainer Wekwerth zu lesen. Jetzt entspannte Jan sich, lehnte sich im Sessel nach hinten und hörte gebannt zu. Mit jedem weiteren Wort tauchte er ab in die Welt des Labyrinthes, die er schon kannte, aber noch nicht mit der Stimme des Autors selbst gehört hatte.
„Eine Geschichte vorgelesen zu bekommen, ist toll, doch eine Geschichte vom Autor selbst das erste Mal vorgelesen zu bekommen, ist magisch.“, sagte seine Großmutter immer und die musste es wissen, denn die war immer die Erste, der er seine Texte vorlas und die ihn immer mit Büchern und neuen Schreibkladden versorgte.
Als das Vorlesen zu Ende war, krabbelte seine Aufregung erneut aus seinem Magen unangenehm seinen Hals hinauf und schnürte ihn zu. Doch als Jan die Aufgabe hörte, eine Figur auf einer Seite zu beschreiben, stahl sich wieder ein Lächeln auf sein Gesicht, denn das konnte er wirklich gut.
Jan senkte seinen Kopf und begann zu schreiben. „Schreiben verändert dein Leben!“, hatte Rainer Wekwerth gerade noch gesagt und in diesem Moment, als Jans Worte sich wie von selbst aufs Blatt schrieben, spürte er in tief in sich, wie sehr das stimmte und beschloss, seiner Großmutter ein paar Trüffel von Spetsmann mitzubringen, als Dankeschön und weil sie die so mochte.
„Wer möchte vorlesen?“, fragte Rainer Wekwerth nach einer halben Stunde und Jan hob wie selbstverständlich seinen Arm und ebenso leicht, wenn auch unheimlich aufgeregt, begann Jan seine gerade geschriebenen Worte vorzulesen…

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