Jeden Sonntag – 5 Manchmal für einen Moment

„Oma, bist du das auf dem Foto?“, fragt Caro ihre Oma, die sie mit dem geöffneten Foto-Album am Küchentisch sitzend gefunden hat. „Wer ist der Mann da in dem alten Wagen?“

„Das ist John F. Kennedy, der amerikanische Präsident. Ich war damals mit meinen Eltern in Berlin.“

„Wie alt warst du da?“ Caros Oma schaute sie an und durch sie hindurch. Dann senkte sie die Augen und strich immer wieder über die Bügelfalte der weißen Tischdecke. Sie strich sie glatt.

„Oma?“ Caro strich ihrer Oma über die Hand. Hielt ihre Hand, mehr nicht.

„Berühr ihre Hand, bleib da bei. Die Erinnerungen deiner Großmutter beginnen zu verschwinden. Die Welt, wie sie sie kennt, verändert sich und damit der sichere Halt in einer ihr vertrauten Welt. Das Gefühl deiner Hand kann sie vielleicht für den Moment in der Realität, wie wir beide sie kennen, halten.“ Dr. Higgins hatte ihr das erklärt, als ihre Oma immer mehr Dinge tat, die sie nicht verstand.
Ihre Oma schaute auf und jetzt war sie es, die Caro über ihre Hand strich. Der graue, verschwommene Ausdruck war aus ihren Augen verschwunden. Ihr Blick wurde wieder klar. Caro sah, wie eine einzelne Träne aus dem Auge ihrer Oma über ihre Wange lief.

„Was hast du mich gefragt, Caro?“

„Wie alt bist da auf dem Bild?“ Caro sprach die Wörter langsam und behutsam zu ihrer Oma hin. Die Wörter setzten sich behutsam auf die Bügelfalte der Tischdecke und warteten ab.

„Das war 1963. Ich war zehn Jahre alt. So alt wie du heute bist!“
Caro entspannte sich. Heute war ein guter Tag und die Erinnerungen blieben für den Moment. Sie lächelte ihre Oma an.

„Barack Obama ist jetzt der Präsident der USA!“

„Natürlich Caro, das weiß ich doch!“, entgegnete ihre Oma entrüstet.

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