Jeden Sonntag – 6 – Alle guten Dinge sind fünf

„Ähm, Oma? Was soll ich mit deinem Autoschlüssel?“ Jan schaute auf seinen Platz am gedeckten Mittagstisch. Neben den bekannten Platzsets lagen ein brauner DinA5-Umschlag und der Autoschlüssel seiner Oma mit dem kleinen Bronze-Engel, den ihr sein Opa beim Kauf des neuen Autos vor fünf Jahren geschenkt hatte.
„Alle guten Dinge sind fünf, Jan!“, sagte seine Oma, die vor dem Herd mit dem Rücken zu ihm in einem der Kochtöpfe rührte. Pflaumenklöße mit Soße und Fleisch. Jan hätte diesen unvergleichlichen Geruch unter allen Gerüchen dieser Welt wiedererkannt. Dieser Geruch bedeutete, ankommen und bei seiner Oma sein und schreiben können, ohne blöde Bemerkungen. Doch heute hatte der Duft eine bittere Note, die ihm nicht mehr aus der Nase ging.
„Oma? Wie meinst du das?“ Jan streckte den Arm zu ihr aus, doch er ließ ihn wieder sinken, weil er wusste, wie sehr sich seine Großmutter in letzter Zeit vor überraschenden Umarmungen erschreckte. Etwas, das mit ihrer Krankheit zu tun hatte, von der alle hinter vorgehaltener Hand sprachen und die seit dem Arztbesuch vor drei Monaten wie ein Geist durch die Räume und noch viel mehr durch seine Gedanken und Träume geisterte.
„Bekomme ich denn keine Umarmung heute?“ Seine Oma hatte sich zu ihm herumgedreht und ihre Arme geöffnet. Jan ging unsicher auf sie zu und nahm seine Oma ganz vorsichtig in die Arme, so, als könne er sie zerbrechen, wenn er nicht aufpasste.
„Mensch Junge, ich bin doch nicht aus Zucker. Ich bin immer noch da, nur manchmal weiß ich das nicht. Da kannst du mir helfen. Sag mir, was ich getan habe, wo ich bin und jetzt lass uns essen. Du hast doch Hunger, oder?“
Nein, habe ich nicht, dachte Jan. Der Appetit war ihm vergangen, aber er würde natürlich etwas essen. Sie wäre zu sehr enttäuscht, wenn er keinen Bissen von seinem Lieblingsessen anrühren würde.
„Und dann erkläre ich dir auch, wieso mein Autoschlüssel da bei dir liegt und wieso alle guten Dinge fünf und nicht drei sind!“ Sie servierte sein Lieblingsessen in Schüsseln auf dem Tisch und sie aßen schweigend.
„Es ist sehr lecker, Oma“, sagte Jan schließlich, weil er das Schweigen, das sich auf alles setzte, was er mit der Gabel und dem Messer zum Mund führte, nur sehr schwer runter bekam und jeder Bissen drohte, ihm im Halse stecken zu bleiben.
„Jan, es ist in Ordnung und eben nicht in Ordnung. Ich weiß, dass es nicht einfach ist. Also lass uns bitte nicht auch wie deine Eltern so tun, als wäre alles in Ordnung, einverstanden?“
Jan nickte stumm und legte sein Besteck erleichtert auf den Teller. Seine Serviette legte er neben den Teller.
„Jan, ich habe dir den Autoschlüssel dahingelegt, weil ich seit heute Vormittag weiß, dass ich kein Auto mehr fahren darf, weil das angeblich zu gefährlich für mich sein soll. Und deshalb möchte ich, dass du den Wagen bekommst. Du kannst ihn verkaufen oder ihn bis zu deinem 18. Geburtstag in Pflege geben und dann selbst fahren. Er gehört dir!“
„Aber Oma, ich will ihn nicht…Ich möchte, dass du…“ Jan konnte nicht weiter reden. Er kämpfte mit seinen Tränen.
„Ich weiß ja, ich weiß, Jan, aber daran müssen wir uns gewöhnen. Wir müssen uns jetzt immer neu von Dingen verabschieden, die es so nicht mehr gibt. Ich vermutlich mehr als du, aber du wirst meine Veränderungen in der nächsten Zeit sehr deutlich spüren.
Und genau für diese Veränderungen, mein Junge, brauche ich dich. Ich würde mir wünschen, dass du all das aufschreibst, dass du praktisch mein Gedächtnis bist und bleibst. Ich weiß, ich verlange mit deinen 14 Jahren viel von dir. Meinst du, du kannst das?“
Jan schaute auf und sah seiner Oma direkt in die Augen. Er sah ihre Stärke und ihren Mut, den er immer so bewunderte,
„Unter einer einzigen Bedingung, Oma!“ Jans Stimme war klar und die Worte standen ebenso mutig wie seine Oma immer war auf dem Tisch vor ihr, aber ohne sie zu bedrängen.
Seine Oma sah ihn trotzdem etwas erschrocken an. „Welche Bedingung?“
„Wir verkaufen den Wagen und dann machen wir beide von dem Geld in den Sommerferien deine deutsche Städtereise, die du immer machen wolltest. Nur wenn du dazu Ja sagst, mache ich das!“
Seine Oma sah in lange an. Als Jan schon dachte, sie sei wieder einmal in der Zeit verschwunden, weil sich ihr Blick eintrübte und sie längst durch ihn hindurchsah, legte sie ihre Hand auf seine und sagte leise, kaum hörbar: „Danke, mein Junge! Und alle guten Dinge sind fünf, weil drei zu wenig sind für das Leben.“

  1. Hallo Sabine,

    habe Deine neue Geschichte gelesen, danke dafür!

    liebe Grüsse!
    Renate

Teile Deine Gedanken mit