Jedenn Sonntag – 8 – Immer wieder und doch anders

„Hallo Jan, magst du heute ein wenig mit mir spazieren gehen?“ Emmi Wellinghofen war am heutigen Tag ein wenig unsicher auf den Beinen, die Wärme tat ihrem Kreislauf mit seinem zu hohen Blutdruck nicht gut. Sie hatte den ganzen Vormittag auf ihren Enkel gewartet, der gerade voller Energie und guter Laune in die Küche gestürmt kam. Wie immer landeten sein Rucksack und das Echo seines Tages mit Schwung in der Ecke neben dem Küchenschrank.
„Ja, klar, gehen wir an deiner Lieblingseisdiele vorbei?“ Er grinste sie schelmisch an.
„Meine Lieblingseisdiele, lieber Jan, so, so. Meinst du etwa die Eisdiele, die diesen speziellen Eiskaffee so lecker servieren, den du in diesem Sommer entdeckt hast?“ Sie lachte. Ihr Enkel hatte in diesem Jahr den Geschmack von Kaffee entdeckt. Sie unterstützte seine neue Leidenschaft, wenn auch dosiert, weil sie sich der Wirkung von Koffein schon sehr bewusst war.
„Ja, genau die! Komm, lass uns dort die Sonne genießen. Wer weiß, wie schnell die wieder verschwindet!“ Er reichte ihr seinen Arm und den Stock, den sie nur deshalb benutzte, weil es der von Erwin war. Und sie gab es ungern zu, aber sie war sehr eitel und benutzte den Stock nur, wenn es nicht anders ging. Heute war so ein Tag. Sie stand schwerfällig auf und verwünschte ihren alten Körper, der wie sie sie in die Jahre gekommen war.
„Na, dann lass uns mal losrennen!“ Sie hielt sich links an Jan fest und nahm rechts den rauen Holzgriff des Stocks in die Hand. „Wie war dein Tag, mein Junge?“
„Langweilig, Oma. Alle haben längst auf Urlaubsmodus geschaltet und zählen nur noch die Tage bis zu den Sommerferien. Habe ich dir gesagt, dass ich mich in der Ferien für die Schreibakademie angemeldet habe?“ Er strahlte sie an. „Das habe ich mir von meiner PC-Arbeit zusammengespart.“
„Das sind ja tolle Aussichten. Ich freue mich für dich.“ Emmi Wellinghofen blieb kurz stehen. Der Weg schien heute länger zu sein als an anderen Tagen. Sie atmete tief durch.
„Oma, sollen wir einfach schon hier an der Bank an der Lenne eine Pause machen? Wir haben doch Zeit!“ Jan sah sie besorgt an und geleitete sie fürsorglich bis zur Bank und setzte sich erst, als er sicher sein konnte, dass sie saß.
„Aber, ich will doch nicht deine ganze Zeit in Anspruch nehmen. Du…“
Jan unterbrach sie. „Oma, ich bin gerne hier bei dir! Mit wem sollte ich mich sonst über das Schreiben, die Welt und Kaffee unterhalten können, als mit der Frau, die alles drei so sehr liebt.“ Er nahm ihre Hand und ließ sie nicht los.
„Ach Jan, du bist viel zu erwachsne; du solltest Spaß haben und etwas mit Freunden unternehmen?“
„Omaaa!“ Jan dehnte das A, dass es klang, als marschierte eine ganze Kompanie an As an ihrer Bank vorbei. „Ja, aber ich möchte hier sein, hier bei dir. Und jetzt must du mich mal einen Moment entschuldigen. Ich bin in ein paar Minuten zurück!“ Er strich ihr noch einmal über ihre Hand, stand auf, ging über die Straße in Richtung Mittlere Brücke.
Emmi Wellinghofen seufzte und schaute auf das Glitzern der Wellen auf der Wasseroberfläche der vorbeifließenden Lenne. Sie mochte diesen Platz, weil sie Wasser mochte und weil sie hier immer mit Erwin gesessen hatte, als er zum Schluss nicht mehr weiter als bis hierher laufen konnte. Ihre Tränen ließen die Erinnerungen fließen.
Es gab Menschen, die kannten solche Kraftorte nicht. Die hatten ihr gesagt, sie solle doch nicht mehr hierherkommen, weil es sie so sehr erinnern und traurig machen würde. Ja, schon, doch gleichzeitig war diese Bank mit dem unverwechselbaren Blick auf die Lenne ein Ort, der ihr Kraft gab, an dem sie Ruhe fand.

„Du musst doch auch mal wieder woanders hingehen?“, hatte ihre Freundin Else immer wieder gesagt.
„Nein Else, es gibt Zeiten für neue und andere Orte und es gibt Zeiten für vertraute und gewohnte Orte. Sie haben ihre Zeit und nur in der Zeit liegen ihre Kraft und ihre Wahrheit.“
„Musst du gleich wieder so philosophisch werden? Kannst du mich nicht einfach mal auf einen stinknormalen Ausflug in die Umgebung begleiten?“
Else konnte das nie verstehen. Sie war, solange Emmi sie kannte, immer auf der Flucht vor ihrem Leben, das ihr nicht gefiel und, das sie nicht verändern wollte, weil sie nicht bereit war, die Sicherheit dieses Lebens aufzugeben. So war ihre permanente Unzufriedenheit der Preis, den sie zahlte.
Emmi war auch viel mit ihr, ohne Erwin und auch ganz alleine unterwegs gewesen. Doch ihr ging es viel mehr um das einmalige Gefühl des Aufbruchs, genau das zu genießen. Mit jedem Aufbruch neu spüren zu können, dass alles möglich und zu verändern war. Und sie liebte die Menschen und die Geschichten, die ihr begegneten, die ihr zeigten, wie wenig es die eine Wahrheit gab, von der viele Menschen überzeugt waren. Es gab immer nur die eine Wahrheit für den Moment und den Menschen, der sie wahr-nahm und für wahr hielt. Diese Liebe zu Geschichten sah sie auch in ihrem Enkel, der ein guter und einfühlsamer Beobachter der Welt um sich herum war.
„Liebe Madame Wellinghofen, wenn Sie nicht zu mir kommen, muss mein Eiskaffee eben zu Ihnen kommen.“
Emmi Wellingofen starrte verdutzt auf Paolo, den Besitzer der Eisdiele, der mit zwei großen Eisbechern vor ihr stand und sie anlachte. Jan stand neben ihm und klappte gerade einen kleinen Holztisch auf, den er vor die Bank stellte. Dann legte er eine kleine weiße Decke, die er über dem Arm getragen hatte, vorsichtig auf den Tisch.
„Es ist angerichtet, Madame!“, sagte er und schaute seine Oma mit funkelnden Augen an.
Paolo stellte die beiden Eiskaffee auf den Tisch, verbeugte sich mit seinem charmanten Lächeln und mit einem „Guten Appetit, liebe Madame Wellinghofen!“ ging er wieder.
Die beiden Gläser waren bis über den Rand mit eiskaltem Kaffee gefüllt und weiße Vanillekugeln schwammen in diesem bitteren Getränk, dessen Geschmack sie so sehr liebte. Obenauf war ein großer Klecks Sahne, in dem zwei gerollte Waffeln steckten. Eine Waffel war ihr immer zu wenig, deshalb bekam sie bei Paolo immer zwei davon. Flüssige Schokolade hatte eine dunkelsüße Spur auf der Sahne hinterlassen…
„Jan, ich…“ Emmi Wellinghofens Worte genossen sprachlos den Anblick dieser einmaligen Kreation im Glas.
„Lass es dir schmecken, liebe Oma!“ Jan strahlte und nahm einen großen Löffel mit Kaffeedurchtränktem Vanilleeis.

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