Sonntags im Hotel

„Guten Tag, darf ich mich zu Ihnen setzen?“
„Sie sitzen ja schon! Bitte, behalten Sie Platz!“
„Ich möchte es nicht versäumen, mich vorzustellen. Herbst ist mein Name.“, stellt sich der Herbst vor.
„Ich weiß, wer Sie sind. Dieses Jahr sind Sie aber sehr früh dran!“
„Na ja, wie jedes Jahr ist mein erster Tag nach dem letzten Tag von Herrn Sommer, den ich übrigens sehr schätze!“
„Sie sind nicht auf der Buchmesse?“
„Nein, da war es mir in diesem Jahr zu laut!“
„Ich mag die Farben, die Sie heute tragen. Ihr Jacket in Herbstrot steht Ihnen.“
„Ich weiß, mein Grau mögen Sie nicht, deshalb trage ich es auch unter meinem grünen Pullover.“ Der Herbst zeigt auf das graue Hemd, das unter dem Pullover hervorlugt.
„Ich wette Ihre Unterwäsche ist auch grau!“
„Ja, hellgrau!“ Der Herbst schmunzelt.
Sie auch, schweigt und blickt aus dem Fenster. Der Herbst stimmt in ihr Schweigen ein und schaut in ihre Augen, als könne er das sehen, ob sie wirklich ihn oder nur durch ihn hindurchsieht.
„Sie bringen mir jedes Jahr den Herbstblues. Ihre Farben sind eine grob fahrlässige Täuschung, um über Ihr wahres Aussehen hinwegzutäuschen…“
„Weil Sie so über mich denken, wollte ich Sie in diesem Jahr endlich auch mal persönlich kennenlernen, damit Sie, wenn Sie mich besser kennen, ein anderes Bild von mir bekommen. Und obwohl Sie mich nicht leiden können, mag ich Ihre Gedichte über mich sehr wohl.“
„Übertreiben Sie bitte nicht, Herbst. Es gibt nur ein einziges Gedicht von mir über Sie. Und das ist, wie Sie sich eingestehen müssen, sehr kurz und lädt zu irreführenden Interpretationen über mich ein.“
„Sie müssen aber schon zugeben, dass auch Ihr Lieblingsdichter, der Herr Rilke, auf mich gestanden hat, wenn ich das mal umgangssprachlich so ausdrücken darf.“
„Kommen Sie mir jetzt nur nicht so! Ich weiß, warum Sie hier sind. Und ich werde diese Stimmung weiter den Herbstblues nennen, da können Sie sich auf den Kopf stellen!“
„So?“, fragt der Herbst, steht auf, macht einen Kopfstand und sämtliches Grau fällt lautlos aus seinen Taschen auf den Boden.
„Ja, so!“, lacht sie und schreibt ihm Dunkelgrün und Rot links und rechts um die Ohren.

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