Wenn Essen nach Zuhause schmeckt

Ben saß in Iserlohn auf der Bank vor Karstadt und beobachtete die Menschen, die an diesem Montagvormittag an ihm vorbeihasteten. Im Herbst hatte Deutschland gewählt, er seine Situation nicht. So wie seine Familie ihn aufgegeben hatte, hatte Ben aufgegeben, an eine Welt zu glauben, die sich noch für ihn interessierte.
Neben ihm standen sein Rucksack und zwei heiße Becher Kaffee. Der zweite Becher war für
den, der ihn davon überzeugte hatte, dass es doch noch mehr gab als eine Welt, der er egal
war. Ben hatte zwei Zeitungen auf die kalte Bank gelegt, nahm einen Becher in die Hand,
wärmte sich beide Hände daran und wartete. Das tat er jetzt seit zwei Monaten, seitdem er
zuhause abgehauen war.
Um Punkt 10:00 Uhr sah er ihn vom Brunnen herauf angeschlurft kommen. Er war immer
pünktlich. Er nannte ihn nur den „Professor“, weil er immer Bücher bei sich trug. Seinen
richtigen Namen kannte er nicht, genauso wenig wie sein Alter. Sein alter, verschlissener
Seesack, in den sein ganzes Leben passte, platzte vor lauter Büchern aus allen Nähten.
„So kann ich mein Leben aushalten, mein Junge!“ Nur der Professor hatte Ben jemals so
genannt. Niemand sonst wäre auf diese Idee gekommen.
Der Professor fand die Bücher überall, im Altpapiercontainer, im Müll, in der Bücherei oder im Sozialkaufhaus.
„Es sagt viel über einen Menschen und sein Leben aus, wie er mit einem Buch umgeht!“,
sagte er zu Ben. Dabei strich er mit seinen geflickten Handschuhen liebevoll über ein
zerfleddertes Buch, das er gerade aus dem Seesack geholt hatte.
„Was hast du heute dabei?“, fragte Ben. „Hier dein Kaffee!“ Ben zeigte auf den Becher, den
der Professor etwas zur Seite stellte und sich dann ächzend hinsetzte.
„Momo, von Michael Ende!“, sagte er, noch etwas atemlos.
„Was ist das denn für ein Name? Also, ein Text für einen Kaffee und dann gehen wir endlich
was essen. Ich habe Scheiße-Kohldampf, Professor, außerdem ist mir schweinekalt!“
„Hunger, du hast Hunger, bitte!“ Der Professor funkelte ihn ärgerlich an. „Lass die Sprache nicht auch aus der Schule…“
„Okay, Professor, kapiert. Fang endlich an!“
Der Professor schlug das Buch auf und begann zu lesen. Er hatte nur einen kleinen Schluck
getrunken. Der Kaffee würde wieder kalt werden. Das schien ihm nichts auszumachen,
genauso wenig wie die Kälte. Ben zog seine Jacke fester um den Körper und versank Wort für
Wort hinter den Buchstaben, die sich trotzig vor die eisige Kälte dieses Dezembermorgens
stellten.

„Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich.
Man denkt, die ist so schrecklich lang;
das kann man niemals schaffen, denkt man.
Und dann fängt man an, sich zu eilen.

Und man eilt sich immer mehr
Jedes Mal, wenn man aufblickt,
sieht man, dass es gar nicht weniger wird,
was noch vor einem liegt.

Und man strengt sich noch mehr an,
man kriegt es mit der Angst,
und zum Schluss ist man ganz außer Puste
und kann nicht mehr.
Und die Straße liegt immer noch vor einem.
So darf man es nicht machen.
Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken,
verstehst du?
Man muss nur an den nächsten Schritt denken,
an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich.
Und immer wieder nur an den nächsten.
Dann macht es Freude; das ist wichtig,
dann macht man seine Sache gut.
Und so soll es sein.“

Ben schaute ihn fragend an. „Das war`s? Der Typ fegt den ganzen Tag die Straße und kann
dann noch so labern?“
„Ben, bis morgen überlegst du dir eine Antwort, die deinem Kopf und nicht deinem Frust
entspricht. Okay?“ Der Professor legte das Buch zur Seite und trank noch einen Schluck
Kaffee. Der war kalt. Er verzog kurz das Gesicht. „Denk dran, wir haben einen Deal! Wenn
du nicht zur Schule gehst, musst du dir mindestens eine Geschichte anhören und dir bis zum
nächsten Tag deine eigene Meinung bilden und in das Heft schreiben.“
Ben schwieg und der Professor auch. So saßen sie eine Weile nebeneinander.
„Wie lange willst du das noch so weitermachen?“, fragte der Professor.
„Wie lange machst du das noch?“, gab Ben die Frage zurück.
„Ich mache das bis zu meinem Tod. Ich bin 68, das wird noch ein, zwei Jahre so gehen
können. Du bist erst 15 und wirfst gerade dein Leben weg, bevor es angefangen hat. Ist das
die Antwort, die du hören wolltest?“
„Fängst du jetzt auch an, mich vollzulabern! Dann kann ich auch gleich wieder in die Schule
gehen!“
„Das wäre mal ein guter Anfang! Doch jetzt lass uns erst einmal essen gehen!“
„Na, komm, alter Mann!“
„Professor, für dich! Professor, junger Mann!“
„Sorry, natürlich, komm Professor!“
Sie kamen nur sehr langsam vorwärts. Der Schneematsch der letzten Tage hatte eine
rutschig, glatte Oberfläche auf den Straßenasphalt gelegt. Der Professor musste öfter Pause
machen. Sie gingen die Vinckestraße entlang, bei Radio MK vorbei, überquerten den
Theodor-Heuss-Ring und bogen dann in den Karnacksweg ein, gingen vorbei an Poco und an dem Casino an der Ecke. Dort überquerten sie am Zebrastreifen die Straße und standen nach wenigen Metern vor dem Jugendzentrum.
Die Mitarbeiterinnen im Juz begrüßten Ben wie einen alten Bekannten. Wenn es sie überraschte, dass der Professor ihn begleitete, dann zeigten sie es nicht, sondern stellten selbstver-ständlich einen weiteren Teller auf den Tisch. Frau Franke schaute ihn lange an.
Sie bekamen eine warme Kartoffelsuppe mit Brot.
„Fast so gut wie die bei Elsbeth“, sagte der Professor zwischen zwei Löffeln Suppe.
„Es ist ja auch nach ihrem Rezept, Franz. Ihre Kartoffelsuppe ist einfach die Beste.“, sagte
Frau Franke, die den Professor offensichtlich auch kannte.
„Ja.“ Der Professor seufzte.
Ben schaute überrascht auf. Er wusste nichts von seiner Frau und auch nicht, dass ihn hier
jemand kannte. Der Professor schien seine Überraschung zu spüren.
Ohne aufzusehen, sprach er jetzt jedes Wort vorsichtig aus und legte es einzeln an den
Tellerrand.
„Meine Frau, die Elsbeth, ist vor einem Jahr gestorben. Wir waren über zwanzig Jahre
verheiratet. Jeden Tag waren wir zusammen.“ Der Professor schluckte schwer.
Ben dachte an seine Freundin, an Lisa und versuchte sich vorzustellen, dass er zwanzig
Jahre jeden Morgen wieder neben ihr aufwachen würde. Er konnte sich das nicht vorstellen,
außerdem war sie gerade zur längeren Therapie weg.
„Lebst du noch bei deiner Tochter?“, fragte Frau Franke den Professor.
„Nein, ich bin ihr zuviel geworden… Ich lebe jetzt bei meinem Sohn. Hab’ mein eigenes
Zimmer. Aber, Elsbeth fehlt mir.’ Der Professor schaute an ihr vorbei….
Der Junge dachte an seine Freundin. Die war jetzt schon drei Wochen weg. Es war ein gutes
Zeichen.
„Wo schläfst du denn?“, unterbrach der Professor seine Gedanken.
„Bei `nem Kumpel“, log Ben, denn der Kumpel war seit drei Tagen im Knast. Die Freundin
war gleich mit ihrem Kind eingezogen und hatte seinen Schlafsack vor die Tür gelegt. Ben
hatte verstanden.
Der Professor nickte und verschwand mit seinen Erinnerungen im nächsten Löffel Suppe.
„Wo bist du am Heiligen Abend?“, fragte der Professor plötzlich.
Ben schreckte hoch und sammelte seine Gedanken wieder aus der Suppe.
„Weiß nich“, murmelte er, „vielleicht bei meiner Freundin.“ Wenn sie wieder da ist und mich
noch mal sehen will, dachte er leise weiter.
„Du kannst ja zu mir kommen, es gibt bestimmt Pute. Mein Sohn macht die beste Pute. Hat
er von seiner Mutter geerbt.“ Der Professor tauchte mit dem Suppenlöffel wieder ein in seine Erinnerungen. Ben tat es ihm nach. Sein Gerede war jetzt irgendwie peinlich hier, wo ihn alle kannten und mithörten.
„Und, was sagst du?“ Der Professor hatte seine Frage doch nicht vergessen.
„Mal gucken, wenn ich Zeit habe“, wich Ben ungeschickt aus, um nicht unhöflich zu sein.
„In den Gottesdienst der Bauernkirche musst du am Nachmittag auch nicht mit. Elsbeth ist
auch nie mitgegangen. Aber um fünfe gibt es Kaffee. Also, morgen um fünfe, am Poth“!
Für den Professor war alles klar. Er wartete seine Antwort gar nicht mehr ab. Er hatte es auf
einmal sehr eilig, schob seinen Nachtisch zurück, packte seinen Seesack und stand
schwerfällig auf.
„Danke fürs Essen.“ Er drehte sich herum und ging langsam die alten Stufen des
Jugendzentrums in die 1. Etage herunter. Sein Seesack auf dem Rücken, die rechte Hand
fest um das Geländer geklammert.

„Kennst du Franz schon länger?“, fragte Frau Franke ihn und setzte sich mit einem neuen
vollgefüllten Suppenteller zu ihm.
„Na ja, seit einiger Zeit, vom Karstadtplatz.“ Er löffelte weiter in seiner Suppe.
„Am 24. Dezember wird er immer so sentimental. An diesem Tag starb seine Frau.“ Sie
schaute ihn an. Der Junge blickte weiter in seine Suppe. Was ging ihn das an? Er hatte
genug eigene Probleme. Schließlich war Lisa auch noch nicht wieder da!
„Ich glaube, er würde sich bestimmt freuen, wenn du ihn besuchst, gerade an diesem Tag.“
Sie ließ ihn mit seiner Suppe und seinen Gedanken alleine. Er hatte genug. Er schob den
Teller weg. Etwas hatte sich in ihm eingenistet.
„Sentimentale Scheiße, mehr nicht!“ Er fluchte laut und ging wieder zum Platz.

„Lisa ist wieder da. Hat Urlaub. Hat dich gesucht.“ Karl kam ihm schon entgegen. „Ist bei
ihrer Oma.“ Ben starrte ihm noch nach, als er schon längst hinter Karstadt verschwunden
war.
„Man muss nur an den nächsten Schritt denken,
an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich.
Und immer wieder nur an den nächsten.“
Wieso fielen ihm jetzt gerade diese Zeilen des Professors ein, die er ihm heute Morgen
vorgelesen hatte? Verflucht, er hatte genug eigene Probleme. Er raufte sich die Haare.
„Und immer wieder nur den nächsten.“
Ben straffte seine Schultern, holte das zerknitterte Schreibheft und den Kugelschreiber
aus dem Rucksack und schrieb mit krakeliger Handschrift das erste Wort auf die leere Zeile.

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