Am Rand einer Tasse Kakao

Prolog

Als Scrabbie geboren wurde, nannten sie ihre Eltern Hannah. Wie sie in diesem brüllenden Kind eine Hannah sehen konnten, blieb uns allen ein Rätsel. Sie sah nicht aus wie eine Hannah und sie verhielt sich auch nie wie ein Mädchen mit diesem Namen. Die Hannahs, die ich kannte, waren ruhig, spielten mit Puppen und standen auf Kitsch und Mädchenkram halt. Scrabbie spielte am liebsten allein und war neugierig auf alles. Sie ließ sich stundenlang vorlesen. Und sobald sie wusste, was ein Buchstabe war, war es um die Buchstaben geschehen. Fortan wollte sie sie alle kennen. Ich fand sie fortan immer mit einem Buch oder einer Zeitung in der Hand.
An ihrem achten Geburtstag verkaufte sie mit meiner Hilfe ihre Puppen bei ebay und holte sich endlich das Spiel, das sie schon immer haben wollte: Scrabble. Sie hatte es zum ersten Mal bei meiner Oma gesehen und spielte es mit ihr, wenn diese gute Tage hatte.
Meine Oma nannte sie als Erste Scrabbie, weil sie so sehr an dem Spiel hing.
„Sie spürt die Worte. Sie geht behutsam mit ihnen um. Sie ist ein besonderes Kind.“
Das glaubte anscheinend nur ihre Patentante, meine Großmutter und ich, denn ihre Eltern und die Lehrer in der Schule kamen nicht zurecht mit ihr, ließen sie gewähren und als, das nicht mehr half, flog sie von der Schule, immer und immer wieder, bis sie gar nicht mehr hinging.
Ihre Patentante schaffte das, was die Schule und all die anderen nicht mehr schafften.

[…]

„Alle Jahre wieder!“, murmelte Scrabbie leise vor sich hin. Seit dem Tod ihrer Patentante vor drei Jahren ging sie in jeder letzten Nacht des Jahres an einen Ort, an dem sie niemand kannte, nicht einmal ihre Erinnerungen und noch weniger ihre Visionen würden sie an einem solchen Ort vermuten. Sie versuchte das zu vergessen, was sie seit drei Jahren heimsuchte und nicht mehr losließ.
Sie lehnte sich kurz an die Straßenlaterne, schlang die Arme fest um ihren Körper und sah ihrem gefrierendem Atem hinterher. Auf der anderen Straßenseite, hinter den eingeschneit-en, parkenden Autos, sah sie ein hell erleuchtetes Schaufenster. „Café zum ..“. Mehr war von dem Namen auf der verdreckten Glasscheibe nicht zu lesen. Vielleicht… Sie trat fest von einem Fuß auf den anderen, stampfte die Kälte mit beiden Füßen, an denen sie Turnschuhe trug, in den Boden und überquerte die Straße.
Beim Näherkommen entdeckte sie ein scharfkantiges Loch in der Scheibe, das notdürftig mit einem Stück Pappe, abgedeckt worden war. Darum herum hatten sich von innen Eiskristalle zu einem Gebilde, ähnlich einem großen Tannenbaum, zusammengefroren.
„Haben Sie noch geöffnet?“ Sie stellte sich zusammen mit der Frage an die abgerundete Holztheke in dem Café, das schon bessere Zeiten gesehen hatte. Die Tische waren allesamt leer. Ihre eiskalten Finger folgten einem der Kratzer auf der Theke, der der Sichel eines Monds glich.
„Habe ich, aber nicht die ganze Nacht. Setzen Sie sich nicht an den Tisch am Fenster, da zieht es, der Glaser macht in dieser Nacht keinen Notdienst!“
„Sie schon.“ Sie schaute ihn an.
Er sagte nichts und hielt ihr dann die Speisekarte hin. „Möchten Sie etwas essen?“
Sie schüttelte mit dem Kopf.
„Etwas trinken!“
Sie nickte.
„Ja, bitte einen großen Kakao mit viel Sahne und einem Hauch Zimt!“
„Na ja, Geschmack haben Sie ja schon mal, hoffentlich auch Geld!“
„Sind Sie immer so barsch?“
„Barsch? Was is`n das für`n Wort. Sind wohl aus`m Duden gefallen. Nein, das bin ich nicht, ich bin Realist!“

„Na, das muss man…“, Sie machte eine Pause, um das Wort besonders zu betonen, „…wohl bei diesem offensichtlichen Gedränge.“
„Ah, eine Zynikerin, die mir ins Haus geschneit wird. Na, dann erlebe ich in diesem Jahr ja doch noch eine Sternstunde!“, sagte er prostete ihr mit ihrem Kakao zu und stellte es unsanft auf die Theke. Der Kakao, der über den Tassenrand schwappte, hinterließ einen braune Spur bis er dort auf der Untertasse eine kleine braune Pfütze neben dem Keks hinterließ.
„Ist hier immer so wenig los?“, fragte sie, grinste ihn an und tunkte den Keks in den Kakao, schloss die Augen und genoss den ersten süßen Geschmack des Kakaos. Sie spürte seinen fragenden Blick und öffnete nur zögernd die Augen. Sie zu schließen, um nicht mehr da zu sein, hatte ihr als Kind auch nicht geholfen, doch für einen Schluck Kakao daran zu glauben, tat ihr für einen Moment lang gut.
„Sie sind wohl nicht aus der Gegend, oder? Hier kommen die Leute nur hin, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.“ Er schüttete sich einen … ein und schaute sie an. „Und Sie, was treibt sie hier an diesen traurigen Ort!“ Er schüttelte sich und zeigte auf die leeren Stühle.
„Das Leben.“ Sie fiel mit diesen Worten in ihre Erinnerungen und auf den klebrigbraunen Tassenboden.

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