02. Montags im Café KT

Gerade legt Herr Klauber seinen etwas zerknitterten Kalenderspruch auf den Tisch und zieht ihn mit der Handkante glatt, als sich die Eingangstür mit Schwung öffnet und der Wind das mit dem heutigen Datum bedruckte Stück Papier von der Tischplatte und eine ältere Dame im knallroten Regencape und einem echten schwarzen Tiroler-Trachtenhut buchstäblich in das Café fegt.
Frau Weinlieb. Sie kommt immer zu selben Zeit ins Café KT. Nicht um Punkt 15:00 Uhr, wie Herr Klauber es aus seinem Leben zu Verabredungen gewohnt war, sondern immer um genau dreizehn Minuten nach der vollen dritten Nachmittagsstunde oder nach genau einer halben Tasse Kaffee und fünf Gabeln Käsekuchen. Und wie immer betritt sie nicht einfach das Café, nein, sie fegt in das Café und nimmt auf ihrem Weg alles mit, was sich ihr unvorbereitet und ahnungslos ihrer imposanten Erscheinung in den Weg stellt.
Zu diesem Zeitpunkt hat Frau Weinlieb noch kein Wort gesagt, kein einziges. Muss sie auch nicht. All die anderen Gäste reden in diesem Moment auch nicht, nicht mehr. Die Worte bleiben ihnen im Hals stecken und sie schauen sprachlos auf diese Frau, die das Café betritt, als würde sie eine große Bühne betreten. Nein, sie war keine große Schauspielerin, nur kleine Gastauftritte in Nebenrollen im Laienspieltheater und angeblich eine Statistenrolle in einer kleinen Berliner Filmproduktion, die sie nur im damaligen Zoo Palast gezeigt haben.
„Herr Klauber, Sie werden es nicht glauben, aber…“ Mit immer denselben Worten setzt sie sich ungefragt und ohne eine weitere Begrüßung an seinen Tisch und schaut ihn an.
„Frau Weinlieb, meine Verehrung, guten Tag!“, sagt Herr Klauber immer und steht auf. Niemals ist er schnell genug, aufzustehen und ihr den Stuhl zurechtzurücken, bevor sie sich setzt, weil er immer erst das Kalenderblatt vom Fußboden retten muss.
Herr Klauber, der ein sehr korrekter, höflicher und ruhiger Mensch ist, würde ihr niemals sagen, dass er lieber allein sitzen und sein Stück Kuchen essen und seine zweite Hälfte Kaffee trinken möchte.
Jetzt wird er wieder zwei Stücke Mandarinenkuchen, „Wie damals in Berlin, Sie wissen, der Zoo Palast!“ und zwei Latte Macchiato, „Geschmacklich nicht so gut wie im Café Kranzler!“ lang ihren Ausführungen lauschen und dabei immer wieder das Kalenderblatt mit der Handkante glatt streichen. Frau Weinlieb wird es wieder nicht bemerken und auch nicht danach fragen. Und Herr Klauber wird sie nicht nach der Berlinale fragen.

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