03. Montags im Café KT – „After Eight“

Herr Klauber saß auch an diesem Sonntag wie immer an seinem Tisch im Café KT. Heute war nichts wie immer. Sein Blick ging unruhig zu dem Tisch links von ihm. Bisher hatte er weder sein Stück Kuchen noch seinen Kaffee angerührt. An dem Tisch saßen drei Frauen, die er hier noch nie zuvor gesehen hatte und nicht kannte. So dachte er zuerst, aber nach fünf Minuten kannte er sie durch ihr, nur durch Luftholen unterbrochenes Reden, mehr als ihm lieb war. Also eigentlich lernte er die Menschen, ü b e r die die Damen an seinem Nachbartisch sprachen, weitaus besser kennen, als die Damen selbst.
Herr Klauber tat das, was er früher auch immer getan hatte, wenn seine Frau Klara ihren allmonatlichen Kaffeeklatsch zuhause ausgerichtet hatte. Er lächelte charmant in die Runde, nickte, als würden ihn die Gespräche über ihm unbekannte Menschen und Dinge des alltäglichen Lebens interessieren und rührte so lange und konzentriert in seinem Kaffee, bis er alles um ihn herum ausgeblendet hatte und in seiner ganz eigenen Welt angekommen war.
Wenn er den Löffel dann aus der Tasse Kaffee herausnahm und auf die Untertasse legte, begrüßte ihn auf der stillen Oberfläche einer Tasse Kaffee eine kaffeedurchtränkte Ruhe, die er sonst nirgendwo fand, nicht einmal in seinen regelmäßigen Spaziergängen im Wald, die weniger geworden waren und mit dem Tod von Klara ganz aufgehört hatten.
Klara hat immer nur geseufzt, wenn er sich wieder einmal „auf und davon gerührt“ hatte, wie sie es nannte. Meist kaufte er ihr, wenn er das sogar tat, wenn sie beide allein waren, eine Schachtel „After Eight“. Weil sie die so mochte. „Die sind so edel verpackt!“, sagte sie und aß immer nur eins pro Tag, immer bei der „Tagesschau“ . Sie strich dann das Papiertütchen glatt und legte es in eine alte Holzkiste. „Wie der Name sagt, nach acht, damit sie mir die Nachrichten aus aller Welt versüßen.“ Klara liebte diese zarten Schokoblättchen mit Mintgeschmack und die Holzkiste in der Kommode im Wohnzimmer war nach ein paar Jahren voll mit diesem schwarzen Papiertütchen, die sie nicht wegschmeißen wollte. Herr Klauber liebte seine Frau für diese Marotte. Die Kiste hatte er immer noch. Er hatte es bisher nicht übers Herz gebracht, sie wegzuschmeißen.
„Herr Klauber, ist irgendetwas nicht in Ordnung. Schmeckt Ihnen der Käsekuchen nicht?“ Aziza, die junge Verkäuferin des Cafés stand vor ihm und schaute ihn besorgt an.
Etwas verwirrt schaute Herr Klauber um sich. Die Damen links am Tisch waren gegangen. Seine Technik des „auf-und-davon-rührens“ schien immer noch zu funktionieren.
„Alles in Ordnung!“ Herr Klauber schaute auf sein Stück Käsekuchen, das er noch nicht angerührt hatte. „Können Sie mir das Stück Käsekuchen bitte einpacken und mir eines von den neuen After-Eight-Mini-Tortenstückchen bringen?“
Aziza schaute ihn überrascht an. „Natürlich, gerne!“
„Und bitte noch einen Espresso dazu!“

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