04. Montags im Café KT – Mia, die Café-Schreiberin aus Hamburg

Als Herr Klauber von seiner Tasse Kaffee und seinem Stück Käsekuchen aufschaute, saß sie noch genauso da wie vor einer Viertelstunde, als er das Café KT betreten hatte. Regungslos hielt sie den Kopf gesenkt, den Blick starr auf die aufgeschlagene Schreibkladde geheftet, die vor ihr lag. Neben ihrem Sessel stand ein grüner Seemansrucksack. Sie trug eine verwaschene Jeans, ein zerknittertes viel zu großes, blaues Hemd und altrosafarbene Boots. Die erkannte Herr Klauber sofort wieder, weil seine Enkelin Miriam sich die auch zu ihrem 16. Geburtstag in diesem Laden mit dem englischen Namen „Like you“ gekauft und ihm stolz gezeigt hatte.
Ihre Haare waren schwarz und zerzaust. Die Brille war dunkel und eckig, an den Seiten dunkelblau, schmaler. Wie alt sie war, konnte er nicht so recht schätzen, bestimmt nicht viel älter als Miriam, dachte er. Herr Klauber war so sehr fasziniert von ihrer bewegungslosen Konzentration, dass ihm die neuen Lampen an der Glasfront des Cafés erst gar nicht aufgefallen waren. Sie sahen aus, wie mit gold schimmerndem Reißpapier beklebt und, weil die Sonne schien, sah es aus, als würde ab und zu ein Sonnenstrahl auf das weiße Blatt Papier der jungen Frau huschen.
In der linken Hand hielt sie einen Stift, der, so schien es ihm, über dem Blatt schwebte und nur darauf wartete endlich auf dem Papier eine wunderbare Wortlandung hinzulegen.
„Keine Worte sind auch eine Bruchlandung und geklatscht wird dann nicht mehr!“ Mit diesen Worten hob sie den Kopf und blickte ihn geradewegs an.
Herr Klauber erschrak, als er ihre gesprochenen Worte so unvermutet neben seinem Kuchenteller vorfand. Er hatte sich nicht verhört, sie hatte die Worte in seine Richtung gesprochen.
„Ich bitte vielmals um Entschuldigung, wenn ich Sie in Ihrer Wortfindung gestört haben sollte und jetzt dafür verantwortlich bin, dass ihre Worte Ihnen den Dienst verweigern!“ Herr Klauber versuchte ein entschuldigendes Lächeln. Sie lächelte nicht und schaute wieder auf die leere Seite.
„Woher wissen Sie, dass es eine leere Seite ist?“, fragte sie von ihrem Tisch noch einmal herüber.
„Ich nehme es doch an, sonst würde ihre Hand schon längst über das Papier fliegen oder irre ich mich da?“
„Ja, das tun sie. Die Worte sind längst da, Sie stehen auch schon Schlange hinter der Seite, doch ich kann mich noch nicht entscheiden, welche ich nicht aufschreibe. Die, die ich nicht auswähle, werden mir das übel nehmen, was ich verstehen kann und deshalb muss ich immer sehr sorgfältig auswählen, welchem Wort ich den Vorzug vor den anderen gebe.“
„Sollten Sie Ihnen und Ihren Worten nicht vielleicht eine Pause gönnen und sich von mir zu einem Stück Kuchen und einer Tasse Kaffee einladen lassen?“, hörte sich Herr Klauber sie fragen und sah an ihrem erstaunten Gesichtsausdruck, dass sie nicht weniger überrascht war als er selbst.
Sie schaute noch einmal auf ihre Schreibkladde, legte den Stift daneben und klappte sie zu.
„Vielleicht haben Sie recht.“ Sie stand auf und kam an seinen Tisch. „Ich bin Mia und Café-Schreiberin, komme aus Hamburg und kann Gedanken schmecken.“
„Ich bin Franz Klauber und Café-Genießer, lebe hier in Iserlohn und bin täglicher Kalenderspruch-Abreißer.“
Mia lachte tatsächlich ein wenig. „Welchen haben Sie heute abgerissen?“
„Er setzt sich an eines Tisches Mitte, nimmt zwei Bücher – und schreibt das Dritte.“ Herr Klauber schob den Kalenderzettel zu ihr hin.
Mia nickte und nahm ihn vorsichtig in die Hand. „Wilhelm Busch!“ Sie drehte sich herum und ging zur Theke, um zu bestellen.

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