05. Montags im Café KT – Hast du kein Zuhause?

Herr Klauber ging bei „Café Spetsmann“ vorbei, ebenso am alten Stadtbad und am Mahnmal Am Poth, wie jeden Nachmittag, überquerte dann den Zebrastreifen und erkannte Mia schon vom Bahnhofsvorplatz aus, als er gerade die stillgelegte Eisenbahn für Kinder umrundete. Sie saß auf einem der hohen Hocker, die direkt neben der Eingangstür des Cafés am länglichen Tisch, vor der großen Glasfront stehen. Ihr Kopf war gesenkt, vor ihr lag ihr Schreibheft, in dem sie eifrig schrieb. Herr Klauber freute sich, als er sah, wie konzentriert Mia schrieb und die Umgebung mit ihren Geräuschen, Gerüchen und Gesprchen ausblendete-
„Guten Tag Herr Klauber! Wie immer? Das Klauber-Gedeck?“ Beate, eine der Mitarbeiterinnen, begleitete ihn mit ins Café, vor dem sie gerade eine Zigarette geraucht hatte.
„Liebe Beate, Ihnen auch einen schönen guten Tag und ja, bitte das Klauber-Gedeck! Ein schönes Wort für Kaffee und Käsekuchen!“ Herr Klauber lächelte und wollte gerade zu seinem Platz gehen, als ihn Mias Stimme auf der Stelle innehalten ließ.
„Es ist sehr höflich von Ihnen mich nicht stören zu wollen, aber ich lade sie herzlich ein, mich zu stören und meinen neuen Text zu lesen.“ Mias Stimme erschien ihm in diesem Augenblick wie eine Hand, sie sich auf seine Schulter legte, nur ganz eben, ganz sanft.
„Wenn ich Sie zu einem Gedeck einladen darf, das schon meinen Namen trägt, sehr gerne!“, erwiderte Herr Klauber, als er sich zu ihr herumdrehte.
„Bitterer, schwarzer Kaffee und gelber, süßer Käsekuchen. Ja, das passt!“
„Noch einmal dasselbe bitte,, liebe Beate!“
„Kommt sofort!“, rief Beate hinter der Theke.
Herr Klauber stand etwas unschlüssig zwischen dem Hocker, auf dem Mia saß und dem Tisch, an dem er sonst immer Platz nahm. „Darf ich Ihren Text mit an den Tisch nehmen?“
„Natürlich!“
Herr Klauber, legte die geöffnete Schreibkladde behutsam auf den Tisch, legte seinen abgelegten Mantel, den Schal und den Hut auf den Stuhl und setzte sich.

„Hast du kein Zuhause?“; fragte ihn der erste Satz auf dem Papier in einer klaren, kantigen und schnörkellosen Handschrift, die gut zu lesen war. Noch einmal las Herr Klauber die erste Frage:

Hast du kein Zuhause?
Doch, das habe ich!
Aber, du bist immer hier…
Ja, und?
Na ja, wenn du immer hier bist, kannst du doch kein Zuhause haben, sonst wärst du ja dort…
Genau, dort bin ich nicht!
Wieso bist du nicht?
…weil ich überall am Wasser zuhause bin…
Seilersee2
Aber doch nur tagsüber, oder?
Ja, bis die Dunkelheit im Mondschein in das Wasser gleitet.
Und nachts, wo schläfst du dann?
Überall da, wo mich die Wortwellen der Nacht hintreiben.
Du hast sie nicht mehr alle, oder?
Wenn du meine Worte meinst, da muss ich dir recht geben, die habe ich wirklich oft nicht alle, die suche ich manchmal nachts zwischen den Brückenpfeilern auf dem losgebundenen Trampelboot und der stillen Wasseroberfläche…

„Ich soll Ihnen danke sagen!“ Beate stand vor ihm und Herr Klauber hatte Mühe aus den gelesenen Zeilen wieder aufzutauchen. „Sie ist gegangen!“
„Ohne Ihre Schreibkladde?“ Herr Klauber sah Beate fassungslos an.
„Sie sollen weiterschreiben und morgen sie wieder hier treffen.“
„Was soll ich denn schreiben?“, murmelte Herr Klauber und ließ seine Gedanken den Geschmack der neuen und ungewohnten gelesenen Zeilen mit dem gewohnten und vertrauten Geschmack von Käsekuchen mit Kaffee probieren.

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