06. Montags im Café KT – Montag ist manchmal schon am Sonntag

Sonntagmorgen, 09:00 Uhr. Das Hoch „Guido“ tauchte den Bahnhofsvorplatz schon um diese Uhrzeit in warmes, angenehmes Sonnenlicht. 16 Grad Celsius. Herr Klauber schaute auf sein kleines Thermometer, das er immer bei sich trug. Er hatte die Nacht wieder einmal schlecht geschlafen und seine Schlaflosigkeit genutzt, um mit einer Tasse Kamillentee sein Lieblingsgedicht „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke in Mias Schreibkladde zu schreiben.
Jetzt blieb er vor der Skulptur stehen, die in Iserlohn lästerhaft als „schiefer Hundeknochen“ bezeichnet wurde, und schaute irritiert auf die Schmiererei, die wohl in der Nacht zu Sonntag dort platziert wurde. Das männliche Glied war gut zu erkennen, ließ aber jegliches künstlerisches Talent vermissen.
Herr Klauber seufzte. „Wenn er wenigstens einen Hauch von Talent gehabt hätte…“
„Der Typ ist eine Schande für die, die wirklich Künstler sind, oder?“ Mia trat neben ihn.
„Kennst du ihn?“, fragte Herr Klauber.
„Nein, solche Schmierer kenne ich nicht! Haben Sie Lust auf einen Kaffee in der Sonne?“
„Sehr gerne, liebe Mia, dann können Sie gleich meinen Text lesen.“
„Sie haben wirklich geschrieben?“ Mia schaute ihn überrascht an.
„Ja, das habe ich, wenn ich auch vorerst nur meine Lieblingszeilen abgeschrieben habe.“ Herr Klauber zog die Schreibkladde aus der Innentasche seines Jacketts und reichte sie ihr. „Suchen Sie uns schon mal einen Tisch und ich bestelle uns den Kaffee!“
„Einverstanden, aber ich bezahle, Herr Klauber!“ Mia ging auf einen Tisch zu, an dem noch niemand saß und der etwas am Rand stand.
„Guten Morgen Herr Klauber, was darf ich Ihnen bringen?“ Aziza nahm hinter der Theke seine Bestellung auf.
„Ach ja, bringen Sie uns bitte noch zwei dieser lecker gefüllten Brötchen mit Frischkäse!“ Herr Klauber hatte sich diese Leckerei am Sonntagmorgen angewöhnt.
„Gerne, ich bringe Sie Ihnen nach draußen!“
Als Herr Klauber nach draußen ging, spürte er sofort, dass etwas nicht stimmte. Mia saß auf dem Stuhl und hatte sich ganz weit in sich zurückgezogen und schirmte sich gegen eine nicht zu überhörende, laute und aufdringliche Stimme ab. Die Kladde lag noch ungeöffnet auf dem Tisch. Sie wurde von zwei Tassen Kaffee flankiert, die noch dampfend auf sie beide warteten.
Als er an dem Tisch davor vorbeiging, hörte er ihn, der kaum, dass er sich hingesetzt hatte, anfing über alles zu schimpfen. Satzfetzen, wie „…die Tische sind zu eng gestellt, zu unordentlich…“, „…dass ihr keine Toilette habt, das wird…“ und „…das haben schon andere Gäste gesagt.“ All diese missmutigen Satzfetzen verteilten sich unter dem noch zusammengebundenen Sonnenschirm und störten die ansonsten ruhige und sonnig warme Sonntagmorgen-Atmosphäre.

Herr Klauber kannte solche Menschen aus dem Altersheim, in dem er war. Menschen, die an allem etwas auszusetzen hatten und selbst bei der bekömmlichsten Suppe garantiert noch ein Haar in derselben fanden, das sie, wenn nicht vorhanden, locker hineinnörgeln konnten.
„Er wird nach einer Tasse Kaffee wieder gehen, weil er nicht nur ein Nörgler, sondern auch noch ein geiziger Nörgler ist. Und wir werden und diesen wunderschönen Sonntag nicht vermiesen lassen, oder liebe Mia?“ Herr Klauber setzte sich Mia gegenüber und beschirmte sie so auf seine unvergleichliche Gentleman-Art davor, dass die laut geäußerten Gedanken des Nörglers ihr den Appetit verdarben.
Mia schaute auf und lächelte: „Sie haben Recht. Was haben Sie denn da noch Leckeres bestellt?“
„Probieren, liebe Mia, probieren. Ein mit Frischkäse gefülltes Brötchen!“ Herr Klauber schob eines der Brötchen, das Aziza gerade serviert hatte, zu ihr hinüber. „Guten Appetit!“
„Danke, und zum Nachtisch gibt es Ihre Worte. Ich freue mich schon sehr darauf!“ Mia biss herzhaft in ihr Brötchen und vermischte diesen Geschmack mit dem bitteren, schwarzen Kaffee. Sie schloss die Augen und genoss diese Kombination und kein einziger nörglerischer Gedanke vom Nachbartisch konnte sie davon ablenken.

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