07. Sonntags im Café KT – Worte sind Leben

„Ein blasser Sonntag, kein grauer Tag, liebe Bücherdiebin, du hast ja so recht!“, murmelte Herr Klauber leise vor sich hin, als er sich nach seinem Besuch in der städtischen Galerie ins Café KT zum Bahnhof spazierte und dabei in den wolkenverhangenen Himmel schaute. Es waren nur wenige Menschen in den Fußgängerzone in Iserlohn unterwegs.
Gestern war er mit seiner Enkelin Miriam ins Union-Kino nach Bochum gefahren, um sich mit ihr gemeinsam den Film „Die Bücherdiebin“ anzuschauen. Miriam, die sonst immer sehr gesprächig war, war selbst während des Film ungewohnt ruhig, vergaß völlig ihre große Tüte Popcorn in der Hand, die sie während des ganzen Films nicht einmal anrührte und suchte auch noch, als das Licht längst wieder angegangen war, lange nach Worten, vergaß sogar, ihr heiß geliebtes Smartphone wieder anzuschalten.
Ihm ging es nicht anders, und Herr Klauber spürte, dass dieser Film diese seltene Sprachlosigkeit zwischen seiner Enkelin und ihm brauchte, um das Thema zu verarbeiten und die berührenden Bilder sacken lassen zu können. Das wortlose Schweigen setzte sich während der ganzen Zugfahrt zu ihnen.
„Du wirst mich nicht verlieren. Du wirst mich immer in deinen Worten finden! Ist das mit Oma wohl auch so, wie mit Max und Liesel?“, fragte Miriam, als der Zug am Bahnhof von Iserlohn hielt.
Herr Klauber schaute seine Enkelin überrascht an. Ihre Worte schnürten ihm den Hals zu.
„Opa?“ Miriam nahm vorsichtig seine Hand.
„Ähem…“, Herr Klauber räusperte sich, „Ich weiß nicht, ob ich das schon kann!“
„Hast du es denn schon einmal versucht?“ Miriam sah ihn lange an. Eine Träne rann aus ihrem linken Auge die Wange hinunter.
Er beobachtete die Träne auf ihrem Weg, als könne er in ihrem Schimmer die Worte finden, die noch nicht über seine Lippen kamen. Erst als die Träne von Miriams Gesicht tropfte, konnte er sein Taschentuch aus seiner Hosentasche ziehen und es ihr reichen.
„Ja, Mia, ich habe es nicht erst einmal versucht. Solange ich deine Oma nicht in meinen eigenen Worten finden kann, suche ich sie in den Worten anderer. Das gelingt mir schon.“
„Ob ich das auch könnte?“ Miriam schaute ihn unsicher an und zerknüllte dabei sein Taschentuch in ihren Händen.
„Natürlich Miriam, du kannst alles, was du dir vornimmst!“ Herr Klauber strich ihr sanft über die Wange, so, als könne er so ihre Traurigkeit mit einer einzigen Handbewegung wegwischen.
„O.K., Opa, dann müssen wir uns wohl ein Schreibheft kaufen. Ich glaube, ich habe noch eins zuhause.“ Miriam nahm die Hand ihres Opas. Das hatte sie schon lange nicht mehr getan. Jetzt war es eine Träne, die Herrn Klauber über die Wange rann. Doch die schimmerte in diesem Moment vor Glück und machte den blassen Sonntag heller.

Teile Deine Gedanken mit