08 – Montags im Café KT – Ich will auch „Nallatatt“!

Mia war heute etwas eher im Café KT. Ein Cappuccino mit Kaffee und Schokosoße und ein… Sie kam von einem Vorstellungsgespräch vom Bundesfreiwilligendienst. Sie hatte von Herrn Klauber gehört, dass in dem Seniorenheim, in dem er lebte, ab Sommer eine Stelle neu zu besetzen war. Mia hatte am Wochenende bei ihrer Freundin Melanie übernachten und endlich ihre Wäsche aus dem Rucksack, das im Moment ihr ganzes Leben enthielt, in die Waschmaschine stecken können. Sie hatte ihre besten Sachen gebügelt, sich einen Blazer von Melanie geliehen und war frisch geduscht, gestylt und mit gebügelten Sachen zum Gespräch gegangen.
Gerade kam ein kleines Mädchen in das Café, die ein blaue Latzhose und eine leuchtend rote Bluse mit einer ebenso farbigen Kappe trug.
„Hallo Azi!“, rief sie und rannte um und hinter den Tresen, um die Mitarbeiterin dort in der Küche stürmisch zu begrüßen. Die Kleine rannte praktisch mit weit geöffneten Armen auf sie zu und umschlang ihre Beine.
„Ich will auch Nallatatt!“, rief sie laut durch das Café.
„Du möchtest was, Asiya?“, lachte Aziza, hob sie hoch und gab ihr einen dicken Kuss auf die Wange.
„Da!“, Asiya zeigte auf den knallroten Nagellack auf ihren Fingernägeln.
„Nagellack! Du meinst meinen Nagellack! Natürlich!“ Aziza lachte laut.
„Ja, roten Nallatatt!“ Asiya kam hinter dem Tresen her. Ihr Blick fiel auf Mia. Mia schaute nicht auf. Sie würde nicht sagen, dass sie Kinder nicht mochte, aber sie fühlte sich sehr unsicher in ihrer Nähe und deshalb mied sie kleine Kinder. Doch Asiya schien das egal zu sein, denn sie hatte etwas entdeckt, was den Nallatatt von Aziza noch in den Schatten stellte.
„Nallatatt!“, sagte Asiya, stellte sich vor Mia auf und zeigte auf ihre Fingernägel, die blau funkelten.
Mia schaute auf. „Ja, das ist Nagellack, blauer Nagellack!“, antwortete Mia, schaute wieder in ihren Kaffee und das geöffnete Schreibheft, in der Hoffnung, dass Asiya jetzt ihr Interesse verlor.
„Nallatatt!“, wiederholte Asiya und blieb unbeirrt vor Mia stehen.
Aziza kam dazu. „Stört dich Asiya?“ Sie versuchte sie wegzuziehen, doch sie blieb unbeirrt auf der Stelle stehen und wiederholte ihre ganz eigene Wortkreation. „Nallatatt!“
Mia schaute etwas verlegen in die leuchtenden und neugierigen Augen des Mädchens, das da vor ihr stand und nicht aufhörte, immer wieder auf ihre blauen Fingernägel zu zeigen.
Da fielt ihr etwas ein. „Warte kurz!“, sagte sie, öffnete ihren Rucksack und kramte in seinen dunklen Tiefen. Irgendwo zwischen Büchern, Kugelschreibern, T-Shirts und anderem Lebenskrempel, wie Mia ihre wenigen Schätze nannte, fand sie das, was sie suchte.
„Da, für dich!“, sagte sie und reichte Asiya eine viereckige Flasche Nagellack. „Ist das in Ordnung?“, fragte sie Aziza, die lächelnd nickte.
„Machst du mir das?“, fragte Asiya.
„Ja, aber nur, wenn du dich hier neben mich setzt und deine Finger ganz ruhig hältst.“ Mia schaute ihr forschend ins Gesicht.
Asiya setzte sich sofort in den Sessel neben Mia und legte ihre kleine, rechte Hand neben ihr Schreibheft.
„Also, dann wollen wir mal!“, sagte Mia, öffnete den Drehverschluss des Nagellacks und begann ganz vorsichtig die kleinen Fingernägel der Kleinen blau zu lackieren. Asiya saß die ganze Zeit hoch konzentriert auf dem Sessel und beobachtete Mia mit weit geöffnetem Mund.
Mia und Asiya hatten die Welt im Café um sich herum völlig vergessen und nicht gesehen, dass Aziza ein Foto mit ihrem Smartphone von ihnen gemacht hatte…

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