10 – Montags im Café KT – Montagsmelancholie mit viel Schlagsahne

Mia und Herr Klauber saßen draußen vor dem Café KT, heute an dem Tisch, der etwas mehr abseits in der Ecke stand. Mia war schon drei Cappuccini eher da gewesen. Herr Klauber hatte schon an der Wahl ihrer Sitzposition erkannt, wie es um ihre Laune bestellt war. Also, bestellte er ihr ein besonders großes Stück ihrer Lieblingstorte.
„Hat sie heute wieder Montag?“, fragte ihn Beate hinter der Theke.
„Ja, ich befürchte und dazu den ersten Arbeitstag!“
„O.k., ich mache noch viel Schlagsahne dabei!“
Herr Klauber schmunzelte. Für ihn waren die Kuchen seiner Frau auch immer der Sonnenschein an einem Regentag und der Gute-Laune-garant. Na ja, für ihn, aber Mia war da schon nicht ganz so pflegeleicht und nicht alles im Leben ließ sich mit viel Schlagsahne „übersüßen„.
„Hallo Mia, heute so in der Ecke?“ Herr Klauber entschied sich für den direkten Weg.
„Es gibt sie, diese Montage, da trinkst du einen Kaffee nach dem anderen und weißt nicht, was los ist, aber es fühlt sich so an, als würde deine Tasse Kaffee ständig leer getrunken sein!“ Mia seufzte und schaute mit diesem abwesenden Blick, den Herr Klauber schon gut kannte.
„Du hast diesen…“ Herr Klauber macht eine Pause im Satz. „…deinen Montagsblick!“ Er setzte sich und ließ die Stille nach seinem Satz erst einmal an ihrem Tisch auf dem leeren Stuhl, Mia gegenüber, Platz nehmen. Mia schaute es lange an. Leise, um beide nicht in ihrem wortlosen gespräch zu stören, verrührte Herr Klauber seinen Zucker. Als er den ersten Schluck trank, spürte er, das er jetzt die nächste Frage zu ihnen an den Tusch holen konnte.
„War dein erster Tag im Seniorenzentrum so schlimm?“, fragte er leise. Er hatte Mia von der freien Stelle als Bundesfreiwillige in seinem Seniorenzentrum erzählt und Mia hatte sich erfolgreich für die Stelle beworben und ganz überraschend schon heute anfangen können.
„Ich fand den Montag nur noch schlimmer, als …“ Mia schaute auf und suchte Halt in seinen Augen. „…als…“ Sie sah ihn an, doch die Worte wollten nicht über ihre Lippen.
Sie begann noch einmal: „…als…“
Herr Klauber hielt ihrem Blick stand, nahm vorsichtig ihre Hand und vervollständigte den Satz: „Als Frau Thorwald heute Mittag starb. Sie ist 90 Jahre alt geworden, hatte ein erfülltes Leben und war nicht alleine, als sie starb. Ihre Nichte war bei ihr.“ Jedes Wort sprach er sanft um Mia herum, schirmte sie ab und versuchte ihr die erste Begegnung mit dem Tod etwas zu erleichtern. Herr Klauber kannte den Tod. Er kam ihm jeden Tag ein unvermeidliches Stück näher. Doch für Mia war der Tod der liebenswerten alten Dame, die sie erst heute kennengelernt hatte, ihre allererste Begegnung mit dem Tod.
„Ja, ich war…“ Mia holte tief Luft. „…dabei, ihre Nichte Nina kenne ich aus der Grundschule.“ Mia drückte seine Hand. „Ich weiß, dass der Tod unvermeidlich ist, dass er am Ende eines jeden Lebens steht, aber an einem Montag ist es noch soviel schlimmer.“
In diesem Moment kam Beate mit dem Riesenstück Torte. Sie spürte die besondere Atmosphäre am Tisch und stellte den Teller wortlos in die Mitte und legte zwei Gabeln dazu. So verscheuchte sie nicht die Frage, die unausgesprochen versuchte am Tisch Platz zu nehmen.
„Wen hast du an einem Montag verloren, Mia?“
Die Antwort brauchte zehn vorbeifahrende Autos, bis Mia über die Lippen kamen: „Meinen besten Freund John.“ Als sie die Worte ausgesprochen hatte, lockerte sich ihr fester Händedruck und sie bewegte sich ein Stück auf dem Stuhl. „Danke…ich muss mal wohin!“, murmelte sie und stand auf.
Als sie zurückkam, versuchte Mia ein kleines Lächeln und nahm eine der Gabeln in die Hand.
„Auf das Leben und die Menschen, mit denen wir es eine Zeit lang teilen durften!“, sagte Herr Klauber, „die Torte geht auf mich!“

  1. Birgit Malow sagt:

    Liebe Sabine,
    mich berührt dieser Text auf zauberhafte Weise. Es sind nicht nur Montage, an denen wir liebe Menschen verloren haben, aber auch ich bin froh, einen Teil ihrer Leben geteilt zu haben.
    Danke für diesen Text und liebe Grüsse

    Birgit

Teile Deine Gedanken mit