11 – Dienstags, mal einen Tag später oder der Duft neben der Gewohnheit

Herr Klauber ging die Unnaer Straße entlang und bog am halbrunden Modehaus B&U nach links, um in der Reinigung seine gebügelten Hemden abzuholen. Da ließ ihn aus dem Nichts dieser unverkennbare Duft nach Möhren- und Kartoffeleintopf, der sich in seine Nase schlich, vor dem Schaufenster einen Moment anhalten. Er schloss seine Augen, nahm eine Nase voll und genauso wie sein Magen erinnerte er sich an den Eintopf, den ihm seine verstorbene Frau immer gekocht hatte.
Sein Magen knurrte unüberhörbar. Herr Klauber schmunzelte. Seine Hemden konnten warten, sein Magen offenkundig nicht. Im Schaufenster des Cafés, auf das er bisher noch nie sonderlich geachtet hatte, war eine gemütlich Sitzbank eingerichtet, davor standen zwei kleine Tische, die nicht besetzt waren. Die Farben der Inneneinrichtung, soviel konnte er sehen, waren dezent weiß und türkis gehalten.
„Wieso eigentlich nicht?“, murmelte er und ging langsam die Stufen zum Café hinauf. Rechts ging es in die Räumlichkeiten des Cafés, links in einen Laden.
„Das wäre was für Mia“, dachte er laut.
„Was wäre etwas für mich?“, hörte er plötzlich eine ihm sehr vertraute Stimme. Mia!
„Wo kommst du denn her?“, fragte er verwundert.
„Na, 13:00 Uhr, ich habe Mittagspause und da sah ich sie und dachte mir, na, da schau her, der Herr Klauber wird doch wohl nicht etwas von seinen Gewohnheiten abweichen und mal in einem anderen Café fremd Kaffee trinken!“ Sie lachte laut, als sie die Unsicherheit in seinem Gesicht sah.
„Versprochen, ich verrate Sie nicht, wenn Sie mir verraten, was sie heute hierhin geführt hat!“
„Riechst du das nicht?“, fragte er, als er die Tür zum Café öffnete.
„Mmh, Möhren- und Kartoffeleintopf. Verstehe!“ Mia lachte. „Herr Klauber, kommen Sie, heute gebe ich Ihnen einen aus.“ Sie ließ ihn vorgehen. Dieser Moment sollte ihm ganz allein gehören. Sie wusste, wie sehr ihn etwas Neues irritierte und verunsicherte. Ihn, den so sehr strukturierten und Gewohnheitsmenschen, dem genau das Sicherheit gab. Und, dass ihn der Duft dieses Essens heute hierher geführt hatte, das war ein Zeichen, fand Mia.
„Wo möchte Sie sitzen, Herr Klauber?“ Mia zeigte auf die einladend hingestellten Tische.
„Im Schaufenster. Ich habe in meinem Leben noch nie in einem Schaufenster gesessen!“ Er ging zielstrebig auf den linken Tisch zu und Mia folgte ihm.
Als sie Platz genommen du sich ein wenig umgesehen hatten, wurden sie auch schon sehr offen und freundlich nach ihren Wünschen gefragt.
„Wir hätten gerne zwei Portionen des Lieblingseintopfes von Herrn Klauber!“, sagte Mia und schaute ihn dabei an. Fast glaubte sie eine Träne an seinem Auge zu sehen, so sehr nahm in diese außergewöhnliche Situation mit. Die Bedienung war sehr aufmerksam und einfühlend obendrein.
„Ja, da haben Sie eine sehr gute Wahl getroffen. Darf ich Ihnen auch noch etwas zu trinken bringen?“
„Für mich bitte eine Fritz-Cola. Möchten Sie die auch mal probieren, Herr Klauber.“
„Ja, sehr gerne!“, sagte Herr Klauber, immer noch sichtlich um Fassung ringend, obwohl ihm anzumerken war, dass er immer mehr Gefallen an dem für ihn neuen Café fand, an der Bedienung, die ihm ein wenig von der Geschichte des Gemischtwarenladens erzählte und all den neuen Eindrücken und Gerüchen, die ihn wie einen neuen Freund begrüßten.
„Ist es nicht toll, welche Überraschungen einen manchmal nur einen Schritt entfernt von der vertrauten Gewohnheit erwarten?“ Mia drückte kurz seine Hand.
Herr Klauber erwiderte ihren Händedruck und sagte leise: „Diesen Kalenderspruch, wenn es denn einer ist, den hätte ich niemals besser erleben können…“
Als er den ersten Löffel des Eintopfs probierte, strahlte er übers ganze Gesicht. „Der Eintopf ist wirklich sehr, sehr lecker!“
Mia schaute ihn an und aß ihren Eintopf mit einem noch viel größeren Appetit.
„Und danach gibt es noch einen Cappuccino mit einem Stück Zucchini-Zitronen-Tarte…“

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