12 – Montags im Café KT – Das Osterei am Nachthimmel

Die ganze Nacht zum Ostersonntag hatte Mia im Schlafsack auf dem letzten angebundenen Tretboot in der Reihe am Bootshaus am Seileresee gelegen und der Nacht dabei zugesehen, wie sie Stunde um Stunde den blauen Seilersee mehr in seine dunklen Arme nahm und in ihre Schwärze sinken ließ.
Mia hatte ganz bewusst diese Stelle ausgesucht, die nicht durch den hellen Schein von Osterfeuern und grölenden Menschen belagert war und ihre so heiß geliebte Stille der Nacht lautstark störten. An die Osterkirmes und seine nächtlichen Besucher hatte sie bei ihrer Wahl nicht gedacht. Gegen zwei Uhr früh band sie deshalb das Tretboot geräuschlos los und trampelte auf die andere Seeseite und legte das Boot dort an, wo sie nicht gesehen wurde. Sie kroch ganz in ihren Schlafsack. Der leichte Wellengang des Sees beruhigte sie und ihre Erinnerungen an Ostern. Ostern war eine schwierige Jahreszeit für Mia.
„Möchtest du am Ostersonntag mit mir im Café KT brunchen?“ Herr Klauber hatte sie letzte Woche noch vorsichtig gefragt. Sie hatte abgelehnt, aber er hatte nicht locker gelassen.
„Wenn du es dir doch noch überlegst, weißt du ja, wo du mich findest. Ich würde mich sehr freuen. Meine Enkelin kommt mit ihren Eltern erst am Nachmittag!“
„Mal sehen…“, hatte Mia schnell gesagt und weiter in ihrer leeren Tasse Kaffee gerührt, ohne noch einmal aufzusehen.
Vor einem Jahr, an ihrem 18. Geburtstag war sie in der Nacht zum Ostersonntag von zuhause nach Hamburg abgehauen und hatte fortan da auf der Straße gelebt. Alles war besser als der Ort, an dem sie lebte und den sie nicht Zuhause nennen konnte.
In dieser Nacht hatte sie den Rucksack gepackt, das Haus verlassen, sich das Auto ihres Bruders „geliehen“ und war auf die A1 Richtung Münster gefahren. Je mehr Kilometer sie zwischen sich und Wuppertal brachte, umso euphorischer wurde sie und mutiger. Die Musik wurde lauter. Ihre Geschwindigkeit höher. Das plötzliche helle Leuchten sagte ihr, dass sie geblitzt worden war und, wenn sie als vermisst gemeldet wurde, dieses Bild bei der Suche helfen würde. Sie fluchte laut und versuchte fortan die angegebenen Geschwindigkeitsbegrenzungen nicht zu überschreiten. Erst in Dammer Berge traute sie sich anzuhalten und einen Kaffee zu kaufen, außerdem musste sie dringend. Sie hatte ihre Kapuze ihrer Jacke und eine Mütze aufgesetzt. Niemand achtete in dieser Nacht auf ein junges Mädchen, das den Kaffee mit einer zitternden Hand annahm und ihn fast noch verschüttete. Erst, als sie wieder im Auto saß, beruhigte Mia sich etwas und trank einen großen Schluck Kaffee. Kaffee war gut. Kaffee beruhigte sie immer. Als der Parkplatz immer leerer wurde, stieg Mia noch einmal aus und ging in die kleine Kapelle, in der ihre Oma sie einmal mitgenommen hatte, als sie die Ferien bei ihr in Hamburg verbringen durfte.
Hier zündete Mia eine Kerze für sie an. „Für dich Oma, wo immer du jetzt bist!“
Mia blieb noch minutenlang da im Kerzenschein stehen und schaute wie gebannt auf die leere weiße Seite im Gästebuch auf dem Altar. Sie ging langsam einen Schritt auf das Buch zu, sah sich noch einmal um und begann zu schreiben:
„Viel zu schnell“, sagte das Tacho.
Es wird nicht reichen, lachten die Gedanken und gaben Gas.
Viel zu laut, sagte der MP3-Player.
Es wird nicht reichen, lachten die Gedanken und wurden lauter.
Das helle weiße Licht vom Autobahnrand riss sie für einen Moment aus ihren Gedanken.
Scheiße, schrien die Gedanken und blieben auf der Strecke.
Endlich, sagte er leise.
EIN Gedanke war geblieben, hatte sich mit zwei Sätzen in ihrem Kopf festgesetzt, würde bleiben, nicht nur auf einen Kaffee:
Ich will weiter, um endlich anzukommen.
Es ist überall besser als hier zu sein.“
Mia wischte sich die Tränen vom Gesicht, als alle Wörter auf dem Blatt Papier standen. Sie schaute sich noch einmal um und riss dann die beschriebene Seite heraus, faltete das Stück Papier sorgfältig und steckte es in ihre Hosentasche.
Die geschriebenen Wörter trug sie seit diesem Tag immer bei sich. Genauso wie das Schreibheft, das sie sich in dem kleinen Schreibwarenladen in St. Georg, in der Langen Reihe, in der ihre Oma gewohnt hatte, kaufte.
Mia tauchte aus ihren Erinnerungen wieder auf, schaute in den Nachthimmel und bestaunte den Mond über der Autobahnbrücke, der tatsächlich einem Osterei glich. Sie lächelte ein wenig.
Ja, morgen, nein heute schon, würde sie im Café KT mit Herrn Klauber brunchen. Ihre Oma hätte Herrn Klauber auch gemocht …

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