13 – Montags im Café – Im Erlebnisaufzug mit Burghard

Mia schaute auf ihr Smartphone. Als sie die neue Whats-App-Nachricht las, musste sie grinsen. Seitdem Herr Klauber das ausrangierte Smartphone seiner Enkelin bekommen hatte, bekam sie neuerdings die üblichen Anfänger-Nachrichten: Nicht vollständig. Nur groß- oder nur kleingeschrieben und so weiter.
„ABFAHRT AM STADTBAHNHOF IN ISERLOHN“
„GLEIS 1. 10:17 Uhr.“
„UMSTEIGEN IN LETMTAHE.“
„Lieber Herr Klauber, bis nachher, lG, Mia.“ Mia wusste genau, dass sie erst einmal einen Anschiss bekommen würde, weil sie eine Abkürzung benutzt und „…liebe Grüße,…“ nicht ausgeschrieben hatte. „Worte sind nicht dazu gemacht, um lieblos abgekürzt zu werden!“, sagte Herr Klauber immer.
Sie waren am heutigen Samstag verabredet und wollten in Altena mit dem neuen Erlebnisaufzug fahren. Herr Klauber war in Altena aufgewachsen und hatte die ersten fünfzehn Jahre seines Lebens dort verbracht, war erst am Knerling und dann am Burggymnasium zur Schule gegangen. Deshalb hatte er in den letzten zwei Jahren den Bau des Erlebnisaufzuges mit großem Interesse verfolgt. Seine Familie war noch im Osterurlaub an der Nordsee und so hatte er Mia zur Eröffnung nach Altena eingeladen.
„Herr Klauber, Sie können Ihre Nachrichten groß und kleinschreiben.“
„Das liebe Mia, musst du mir einmal zeigen, aber nicht heute und nicht während einer Zugfahrt, denn die vorbeiziehende Landschaft am Abteilfenster zu verpassen, wäre eine Beleidigung für den Zug.“
„Sie reden manchmal schon ein wenig…“ Mia suchte nach dem passenden Wort.
„…antiquiert? Ja natürlich, schließlich habe ich eines besessen. Wie aus der Zeit herausgefallen? Ja, das höre ich öfter. Das hat meine Klara ständig zu mir gesagt.“
Am Altenaer Bahnhof stiegen die beiden aus, gingen die Bahnhofsstraße entlang und beim Café Merz vorbei.
„Hier lade ich dich nach unserer Aufzugfahrt zur Eierlikörtorte ein.“ Herr Klauber zeigte auf die andere Straßenseite.
Sie überquerten auf der Brücke die Lenne, gingen am Markaner vorbei und die Fußgängerzone entlang. Herr Klauber ging sehr langsam, schaute links, schaute rechts, schüttelte mit dem Kopf, murmelte immer wieder etwas unverständliches vor sich hin. Beim Juweliergeschäft „Betzler“ blieb er stehen.
„Herr Klauber, hat es der neue Aufzug tatsächlich geschafft, Sie mal zurück nach Altena zu bringen?“ Eine Frau in einer grünen Bluse kam auf Herrn Klauber zu.
„Frau Betzler-Hüttemeister, ja, ich bin heute gekommen, um eine Fahrt zur Burg zu machen. Doch vorher müssen Sie mir noch einmal Ihre Burghards zeigen. Ich möchte ein Geschenk machen. Mia, du müsstest mitkommen, denn du musst mir bei der Auswahl helfen.“
Mia schaute ihn etwas unsicher an und strich noch einmal ihre Kleidung glatt. Derart noble Geschäfte waren nicht so ihr Ding, weil sie sich dort nie passend angezogen fühlte.
„Hier ist die Auswahl unserer Burghards, schauen Sie beide ganz in Ruhe!“
„Der ist schön!“, sagte Mia und zeigte auf einen Kettenanhänger, dunkelblau hinterlegt, in einer runden Silber-Einfassung.
„Ja, und dazu brauchen wir noch eine Kette, die zu Burghard passt!“
Auch die war schnell gefunden und beides wurde liebevoll eingepackt.
„Ich hoffe, Herr Klauber, wir sehen Sie jetzt mal öfter hier in Altena!“
„Mal sehen, mal sehen!“, antwortete Herr Klauber etwas ausweichend und verließ das Geschäft und stand mit Mia wieder im Trubel des besonderen Tages.
„So, und jetzt stellen wir uns aber mal an!“, sagte Herr Klauber und ging in Richtung des neuen Burgtores.
„Also, ich bin ja mehr für Fassadenklettern!“, lachte Mia, lief ein paar Meter weiter und kletterte in Windeseile auf das aufgestellte Gerüst und bewunderte die Häuserfassaden.
„Gefällt mir, so hoch oben zu sein, gibt einen tollen Überblick!“, sagte sie in wenig außer Atem und stellte sich zu Herrn KLauber in die lange Reihe, vor das neue Tor der Burg Altena und beobachteten die Menschen, die an ihnen vorbeigingen. Etwas, das sie sonst gemeinsam im Café machten und sie beide auf eine ganz besondere und wortlose Art miteinander verband.
Eine halbe Stunde später standen sie an der Kasse und begannen ihren unterirdischen Gang durch die sieben magischen Tore. Das dauerte eine weitere halbe Stunde. Sie nahmen sich Zeit. Nur eine knappe halbe Minute dauerte die Fahrt, die sie direkt auf den Burghof fuhr.
„Wie eine Zeitreise. Ich weiß, warum Sie ausgerechnet heute hierher wollten.“, sagte Mia und blickte sich staunend und überrascht um.
„Und damit sie perfekt wird, gibt es jetzt zeitlos leckeres Stück Fleisch von Eberhards Grill im Brötchen und echte Kaffeepötte mit Kuchen zum Nachtisch.“
Als sie einen Platz gefunden hatten, nahm Herr Klauber mit einem aufgeregten Lächeln das Päckchen von „Betzler“ aus seiner Tasche und sagte: „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, liebe Mia! Das ist von mir und meiner Familie für dich, als Glücksbringer und besonderer Begleiter auf all deinen Wegen! Und sag nicht nein, es kommt von Herzen und aus der Zeit, aus der wir immer wieder herausfallen…“ Er schob das Paket zu Mia herüber.
Mia schaute ihn lange ungläubig und sprachlos an. Als eine Träne sich aus ihrem Auge schlich, räusperte sie sich, wischte sich über die Augen du sagte mit deutlich belegter Stimme: „D-a-n-k-e!“
Mit zitternden Händen legte sie die Kette um, nahm den Pott Kaffee und stieß mit Herrn Klauber auf einen ganz besonderen Tag an.

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