14 – Montags im Café – Die Seele der Ordnung…

Seit zwei Wochen trug Mia den Burghard von Herrn Klauber und seiner Familie an einer Silberkette um den Hals. Nur beim Duschen, beim Joggen und zum Schlafen nahm sie die Kette ab und legte sie mit dem Fledermausanhänger dann jedes Mal behutsam in das kleine Kästchen, in den der Schmuck als Geschenk verpackt gewesen war.
Dieser Anhänger war etwas ganz Besonderes für Mia. Zum einen hatte sie so etwas Schönes schon lange nicht mehr bekommen und das machte sie heute mehr glücklich als traurig. Und dann hatte sie bemerkt, dass sie die Gedanken der Menschen mit der Fledermaus Burghard viel weniger schmecken konnte. Es war, als würde Burghard sie „abschotten“ und in eine Geschmacksneutraliserende Wolke packen, die sowohl die Worte, als auch den damit verbundenen Geschmack der Gedanken der Menschen um sie herum abmildern. Mia konnte seit langem mal entspannt im Café KT sitzen und sich voll und ganz auf den Geschmack ihres Stück Torte konzentrieren, das nicht durch den bitteren Geschmack von abgestandenen Gedanken der Menschen um sie herum überdeckt wurde.
Als die Tür aufging, schmeckte sie sofort einen frischen, etwas sauren Apfel. Herr Klauber betrat das Café und schien völlig in Gedanken zu sein. Aus seiner Aktentasche aus schwarzem Leder schauten Papiere heraus.
„Guten Tag, liebe Mia, ich stehe heute ein wenig auf Kriegsfuß mit der Zeit. Sie rinnt mir wie Sandkörner zwischen den Fingern auf und davon… Der andauernde Regen der letzten Tage hat mich veranlasst, mal klar Schiff in meinen papiernen Unterlagen zu machen.“ Er zog seinen Mantel aus und legte ihn mit dem grauen Schal und gleichfarbigen Hut auf den Sessel neben sich.
„Guten Tag Herr Klauber. Ihre Gedanken schmecken heute nach einem frisch aufgeschnittenen Apfel…“ Sie überlegte kurz. „Ja, nach einem Boskop-Apfel.“
Herr Klauber lächelte. „Meine Lieblingssorte. Und genau deshalb gibt es heute auch ein Stück Apfelkuchen mit Sahne.“
„Was haben Sie da für Blätter bei sich?“, fragte Mia neugierig.
„Zuerst den Kalenderspruch des heutigen Tages und dann lüfte ich das Geheimnis der Papiere.“ Herr Klauber öffnete die Aktentasche und zog aus der kleinen Innentasche einen akkurat gefalteten, viereckigen Zettel. „Die Seele der Ordnung ist ein großer Papierkorb.“
„Kurt Tucholsky!“, sagte Mia und grinste ihn an.
„Hast du das gewusst oder in meinen Gedanken geschmeckt?“ Herr Klauber schaute sie fragend an.
„Ich gebe es zu; Sie haben es gedacht, aber der Satz hat mich auf das neugierig gemacht, was er geschrieben hat… und jetzt die Papiere… bitte?“
Herr Klauber trank noch einmal einen großen Schluck Kaffee und griff dann nach dem sortierten und mit einem Band zusammengehaltenen Stapel Papier. „Das, liebe Mia, ist die Geschichte meines Lebens… Jahrelanges und fast tägliches Notieren auf schwarzen Zeilen. In der letzten Woche habe ich mich an mein notiertes Leben auf Papier herangewagt, gestrichen und ausgemistet und alles zu dem Papierstapel zusammengetragen, den du hier vor dir siehst.“
„Wow…das schmeckt nach…“ Mia suchte nach Worten und fand sie dann, nachdem sie von dem alles dominierenden Geschmack der gesammelten Worte eines Lebens genug geschmeckt hatte:

„Zeilensprung

schwarz
ist in der Nacht anders
als am Ende der Zeile

orange
ist am Tag schweigsamer
als auf dem Milchschaum eines Latte Macchiatos

blau
ist an der Grenze finsterer
als mit geliehenem Heiligenschein

gelb
ist mit einer gehörten Stimme lauter
als mit einem durchgeschriebenen Leben“

Teile Deine Gedanken mit

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen