15 – Montags im Café KT – Wenn Leben erzählt…

Mia schmeckte die Nachdenklichkeit von Herrn Klauber schon, als sie den Zebrastreifen neben „Stoltefuß“, dem Bahnhofsgrill an der Ecke, überquerte und auf das Café KT zusteuerte. Er saß unter dem großen, roten Sonnenschirm an einem der äußeren Tische. Vor ihm stand nur eine Tasse Kaffee, in die sein Blick hineinfiel. Es schien, als wäre er mit seiner Aufmerksamkeit ganz und gar in das schwarze, bittere Heißgetränk hineingefallen.
Mia näherte sich seinem Tisch langsam und versuchte instinktiv die Geräusche und Gespräche der benachbarten Tische abzuschirmen, damit sie Herrn Klauber beim Näherkommen nicht erschreckte.
„Drin ist seit dem letzten Wochenende nicht drin! Wieder einmal sind die Bauern unverdient als Sieger vom Platz gegangen“, sagte gerade der junge Mann mit dem weißen T-Shirt am Nachbartisch, vor dem eine Flasche Cola und ein durchsichtiger Pappbecher stand.
Fußball! Mia stöhnte leise. Wenn sie eine Sportart auf den Tod nicht ausstehen konnte, dann war das Fußball. Sie erinnerte sich an Samstagnachmittage, an denen ihr cholerischer Vater vor dem Radio saß und sich niemand im Haus bewegen durfte, wenn „seine Jungs“ spielten. Nicht selten war ihm die Hand ausgerutscht, wenn er seinen Frust über ein schlechtes Spiel an ihr und ihren zwei jüngeren Brüdern ausließ. Mia schüttelte die Erinnerung ab und warf sie mit dem Tempo in den Mülleimer im Café. Mit einem Cappuccino ging sie an den Tisch, an dem Herr Klauber noch immer unverändert saß.
Als er sie bemerkte, schien sein Blick nur ganz allmählich aus der Zeit, in die er gefallen war, wieder aufzutauchen. Je klarer sein Blick wurde, umso trüber und durchsichtiger schienen die Erinnerungen zu werden, die ihn noch nicht ganz verließen, sondern sich noch weiter schemenhaft in der Nähe des Tisches herumtrieben.
„Guten Tag Mia, schön dich zu sehen!“ Seine Worte klangen brüchig, von weit weg.
„Hallo Herr Klauber. Schön, Sie wieder h-i-e-r zu sehen!“ Sie schaute ihn über den Rand der Kaffeetasse hinweg besorgt an.
„Ich habe eine kleine Zeitreise unternommen. Die gestrige Filmpremiere des bekannten Iserlohner Zeitzeugen Charly Kipper hat mich in eine dunkle Zeit geführt, die ich selbst nicht miterlebt habe, aber von der mir meine Eltern sehr viel erzählt haben. Ich selbst wurde in Amerika geboren und kam nach dem 2. Weltkrieg, im Alter von sechs Jahren mit meinen Eltern nach Deutschland und nach Iserlohn zurück…“ Er schwieg und es schien, als würde er dem verhallenden Klang seiner Worte lauschen, die sich um die Erinnerungen legten und sie weiter verdrängten.
„Ich habe Ihnen etwas mitgebracht!“ Mia nahm einen DINA4-Umschlag aus ihrem Rucksack.
„Für mich?“, fragte Herr Klauber und schaute ungläubig auf den braunen, etwas zerknitterten Umschlag. Herr Klauber schob die Kaffeetasse an die Seite und öffnete den Umschlag.
Seine Augen leuchteten, als er das bunte Papier, das noch nach Klebe roch, herausnahm.
„Danke, liebe Mia, eine Collage von der Filmpremiere gestern. Von Herzen danke…und…“ Er unterbrach sich, strich vorsichtig über die sorgsam ausgeschnittenen Puzzlestücke und sprach seinen begonnenen Satz weiter: „…irgendwann, liebe Mia, erzähle ich dir mal die Geschichte meiner Eltern.“
„Wenn Leben erzählt…“, flüsterte Mia. Sie hatte erst heute Morgen die Domain dazu gesichert und wusste genau, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis diese Seite mit den ersten Geschichten aus der südlichen Innenstadt von Iserlohn online gehen würde.
Mia, selbsternannte Stadtschreiberin! Das gefiel ihr, genauso wie dieser Stadtteil, der ihr mit Herrn Klauber und seinen Menschen sehr ans Herz gewachsen war.
Mia und Herr Klauber hüllten sich in ein wohltuendes, gemeinsames Schweigen…

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