17 – Montags im Café KT – Was für eine Sauklaue!

Linkshänder – Foto von: © DOC RABE Media – Fotolia.com

Herr Klauber schaute auf die aufgeschlagene Schreibkladde auf dem Tisch im Café KT, der ihm, seiner Tasse Kaffee und dem Stück Käsekuchen unter dem großen, roten Sonnenschirm Schutz vor der Mittagssonne bot. Noch einmal schaute er angestrengt auf die schwarzen Buchstaben, die sich wild und schief und irgendwie verdreht auf den Zeilen zu unleserlichen Worten verbanden und einfach keinen Sinn ergaben.
„Liebe Mia, du hast eine…“ Herr Klauber überlegte kurz, ob er die Dinge so deutlich beim Namen nennen konnte. Er entschied sich, sie in aller Deutlichkeit beim Namen nennen zu müssen. „…Sauklaue!“
„So, so! Ich habe eine, was?“ Mia schaute ihn mit einem leuchtenden Funkeln in den Augen an.
„Eine Sauklaue ist eine Schrift, die nicht lesbar ist. Ich verstehe das nicht; all die letzten Texte von dir waren doch allesamt in einer völlig anderen, sauberen, gut lesbaren Handschrift geschrieben.“
„Welche Hand ist Ihre Schreibhand?“, fragte Mia. „Muss ich noch deutlicher werden?“ Sie lachte laut.
Da erst fiel der Groschen bei Herrn Klauber. „Ja, natürlich, wie konnte ich das nur nicht erkennen? Da hast du mich aber über den Bock getan.“ Herr Klauber lachte und schaute noch viel interessierter auf die Worte, die auf einmal eine ganz andere Geschichte zzu erzählen vermochten.
„Ja, ich mache das hin und wieder, wenn die Ideen einfach nicht auf das Papier wollen. Dann nehme ich meine ungeübte rechte Hand und schreibe mit ihr. Das Ergebnis sehen Sie da. Außerdem hilft es mir, den Schreibprozess mal aus einem anderen, eher ungelenken Blickwinkel zu betrachten, mit der rechten Schreibhand aus der Gewohnheit heraus mit links zu schreiben.“
„Das heißt doch wohl auch, dass dir deine rechte Hand völlig andere Geschichten erzählt, als die linke Hand, oder?“, fragte Herr Klauber, sichtlich interessiert an diesem Thema.
„Ja, die Geschichten mit rechts entsprechen dem reduzierten Schreibtempo; der ganze Schreibfluss ist verlangsamt und sieht und hört natürlich all die Worte, an denen die geübte linke Hand schneller und mit Scheuklappen vorbeischreibt.“
„Das ist ein sehr schönes Bild; das gefällt mir. Hast du mal ein Blatt und einen Schreiber für mich?“
„Einen Schreiber. Her Klauber, so wie Sie redet wirklich kein Mensch mehr. Ich habe einen Bleistift, einen Füller oder einen Kugelschreiber, was hätten Sie denn gerne?“ Mia kramte in ihrem Rucksack, der sich wie gewohnt neben dem Tisch an das Tischbein lehnte.
„Ich glaube, meine ungeübte linke Hand kann es sich am besten vorstellen, mit einem weichen Bleistift zu schreiben. Machst du auch noch einmal mit?“ Seine Augen leuchteten vor Begeisterung wie schon lange nicht mehr.
„Natürlich!“, beeilte sich Mia zu sagen. „Lassen Sie uns Geschichten mit rechts und links und links und rechts schreiben. Mia, selbsternannte Stadtschreiberin, die Linkshänderin und Gedankenschmeckerin und Franz Klauber, der Rechtshänder und Kalenderblatt-Abreißer aus Iserlohn.“
Und wenige Worte später umgab sie eine hochkonzentrierte Schreibatmosphäre, die die Welt um sie herum verlangsamte, Wort für Wort, mal mit links und mal mit rechts.

Teile Deine Gedanken mit

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen