18 – Montags im Café KT – Wenn Worte dich halten…

Herr Klauber ging seit einer Stunde unruhig in seiner Wohnung hin und her, setzte sich an den Küchentisch, stand wieder auf, ging zum Küchenfenster, schob die Gardine an die Seite und schaute besorgt in den Himmel des unglaublich heißen Pfingstmontags. Sein kleiner Tischventilator wälzte die warme Luft in der stickigen Wohnung auch nur um und brachte nicht die ersehnte Kühlung.
Herr Klauber ging zum Kühlschrank, holte aus dem Tiefkühlfach einen Behälter mit Eiswürfeln, drückte drei in das Glas auf der Arbeitsplatte, dann nahm er die Glaskaraffe und schüttete sich seine selbstgemachte Zitronenlimonade ein. Sie löschte seinen Durst für einen kleinen Moment.
Mit dem Glas in der Hand ging Herr Klauber wieder zum Fenster. Eine Wolkendecke bildete sich langsam und auch der Wind nahm zu. Für den Märkischen Kreis hatte der Deutsche Wetterdienst eine Unwetterwarnung herausgegeben. Er stellte das Glas auf die Fensterbank und griff zu seinem Smartphone. Er machte sich Sorgen um Mia. Natürlich wusste er, dass sie mittlerweile eine kleine Wohnung hatte, doch er wusste auch, dass sie immer mal in einer Nacht draußen übernachtete.
„Ich habe in den letzten Jahren gelernt, überall allein auf mich aufzupassen, machen Sie da jetzt mal kein Drama raus!“ Mia ignorierte seine Sorge und wechselte immer das Thema, wenn er sie darauf ansprach und so versuchte ihr seine Sorge um sie mitzuteilen.
So versuchte Herr Klauber sich daran zu gewöhnen, dass seine Sorge jedes Mal aufs Neue gegen eine Wand prallte.
Wieder schaute er in den Himmel; die Kabel für das Telefon und den Fernseher hatte er schon ausgezogen und eine Kerze für „den Fall der Fälle“ bereitgestellt… Es wurde unheimlich schnell dunkel. Erste Blitze erhellten diese unnatürliche zunehmende Dunkelheit. Herr Klauber stand am Fenster und beobachtete fasziniert und voller Respekt das Natur-Schauspiel.
Würde seine Frau noch leben, hätte sie ihn längst vom Fenster weggezogen. Sie hatte sehr große Angst vorm Gewitter und so hatte er ihr bei Unwetter immer vorgelesen, um ihre Angst zu dämpfen und ihre Gedanken abzulenken. Sie hatte sich immer ein bisschen weniger gefürchtet, wenn er ihr vorlas.
„Deine Worte halten mich und dann kann mir nichts passieren.“, hatte sie immer gesagt. Als sie krank wurde, hatte ihr sein Vorlesen auch nicht mehr geholfen.
Tief in Gedanken versunken, hatte Herr Klauber das Klingeln an der Tür nicht gehört. Ein zweites Klingeln ließ ihn endgültig aus seinen dunklen und dem bedrohlichen Wetterszenario angepassten Gedanken aufschrecken. Draußen hatte der Himmel die Schleusen geöffnet und ein Blitz jagte den Nächsten.
Herr Klauber ging zur Tür..
„Ja, bitte, wer ist da?“
„Ich bin es, wissen Sie eigentlich, wie scheiße es hier draußen ist. Soll ich mir den Tod holen?“
Herr Klauber lächelte und betätigte den Türöffner seiner Altenwohnung.
Zwei Minuten später stand Mia pitschnass und verlegen grinsend vor ihm.
„Also, na ja, ich meine, wenn es in Ordnung ist, würde ich gerne während des Unwetters bei Ihnen Unterschlupf suchen!“ Sie blieb abwartend vor seiner Haustür stehen.
„Ich hoffe, das war eine rhetorische Frage. Im Bad liegt ein Handtuch und wenn du duschen magst, kein Problem. Ich koche schon mal Kaffee!“
„Ähm, Herr Klauber?“ Mia hatte die Schuhe ausgezogen und stand jetzt verlegen ihre beiden Händen ineinander verschränkt, vor ihm. „Ich… habe…Können Sie…mir?“ Sie ließ die unausgesprochene Frage im Raum stehen und Herr Klauber sah und fühlte Mias Frage.
„Du schnappst dir das Handtuch und ich serviere dir ein Glas selbstgemachte Zitronenlimonade zum Vorlesen, einverstanden?“ Er wartete ihre Antwort erst gar nicht ab, macht auch noch ein zweites Glas Limonade für sich und kam mit beiden Gläsern ins Wohnzimmer. Mia hatte dasHandtuch um sich gelegt.
„Komm, setz dich!“
Mia nahm einen Schluck, zuckte beim nächsten Donnergrollen heftig zusammen und schaute ängstlich aus dem Fenster, hinter dem die Nacht durch einen neuen Blitz wieder taghell erleuchtet wurde.
Herr Klauber zündete seinen Kerzenleuchter an und nahm ein Buch vom Beistelltisch seines Lesesessels.

„Hier habe ich etwas für dich, es wird dir gefallen.“ Herr Klauber öffnete das buch und begann zu lesen: ,,Du traust dich ja doch nicht! Du Angsthase!“, rief Olaf ihr Anführer.”
Seine Worte bildeten eine sichere Blase inmitten dieses Gewitters und mit jedem neue Wort entspannte sich Mia immer mehr…

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