19 – Montags im Café KT – Der Ball ist auch rund

„Hallo Herr Klauber! Bin ich froh, Sie hier und nicht zuhause vor dem Bildschirm zu sehen?“ Mia setzte sich erleichtert auf den Stuhl ihm gegenüber.
„Hallo Mia, es freut mich auch dich zu sehen. Du bist wohl kein Fußballfan, oder?“, lachte er und schob sein Smartphone, das zum ersten Mal während ihrer Treffen im Café KT auf dem Tisch lag, hinter seine halb leer getrunkene Kaffeetasse.
„Nein, so sicher wie Schweden nicht mitspielt, so wenig bin ich Fußballfan!“ Mias Blick wurde finster; sie stand noch einmal auf, um sich einen Kaffee und ein Stück Kuchen zu holen. Als sie noch einen Moment lang an der Theke warten musste, weil noch jemand vor ihr an der Reihe war, sah sie, wie Herr Klauber verstohlen auf das Display seines Smartphones schaute.
Der Typ neben ihr, der das Käsebrötchen mit dem Deutschland-Ei bestellt hatte, trug ein Deutschlandtrikot mit der Rückennummer „10“ und hatte lange blonde Haare, die er zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Mia mochte Männer mit langen Haaren.
„Musst du ausgerechnet Fußballfan sein? Was für eine Verschwendung!“, murmelte sie und seufzte. Der Typ starrte die ganze Zeit auf sein Display, überhörte sogar, dass seine Bestellung fertig war.
„Hey, lass das blöde Spiel mit dem Ball mal das blöde Spiel mit dem Spiel sein, dein Brötchen ist fertig und ich möchte vor dem Abpfiff auch nochmal mein Stück Kuchen bekommen.“ Mia funkelte ihn wütend an. Gleichzeitig schmeckte sie seine Aufregung als frisch aufgeschnittenen Granatapfel mit Joghurt.
Der Typ schaute sie völlig verdattert an, dann sofort wieder auf das Display und rief: „TOR! Wir führen, willst du das nicht auch mal sehen?“ Er hielt Mia das Smartphone vors Gesicht und strahlte sie an. Bei soviel kindlich entwaffnender Begeisterung, die nach einem leckeren Magnum-Eis mit Waldfrucht schmeckte, musste sie lachen.
„Nein, will ich nicht. Ich möchte Kuchen. Käsekuchen!“
Der Typ schaute sie an. „O.K., das geht auf mich, lass ihn dir schmecken!“ Er nahm sein Brötchen, trug es an den Tisch, neben dem, an dem Herr Klauber saß, und kam noch einmal zurück.
„Wieviel macht das?“, fragte er Beate hinter der Theke.
„Hey, ich bezahle meinen Kuchen selbst!“ Mia mochte den Geschmack seiner Begeisterung, aber
„O.K.!“, lenkte der Typ ein, „wenn Deutschland ein zweites Tor schießt, darf ich dir den Käsekuchen ausgeben; schießen sie sogar ein drittes, werde ich dich küssen!“, lachte sie an und ging ohne ihre Antwort: „Wenn du lebensmüde bist, kannst du es ja mal versuchen!“ abzuwarten an seinen Tisch.
Mia nahm ihren Cappuccino und das Stück Käsekuchen von der Theke und setzte sich zu Herrn Klauber. Verstohlen beobachtete sie den Typen vom Nebentisch.
„Na, auf den Geschmack gekommen?“, grinste Herr Klauber und sah sie an.
Mia wurde rot. „Der hat sie doch nicht mehr alle!“, schimpfte sie leise.
„Ich glaube, er hat sie alle… Argumente, die dich überraschen und zu schmecken scheinen sie dir auch!“
„TOR!“, schrie der Typ vom Nebentisch. „Dein Käsekuchen gehört mir!“ und bevor Mia antworten konnte, sprintete er zur Theke und legte das Geld für den Käsekuchen auf die Theke. Auf dem Rückweg zu seinem Platz zwinkerte er Ma zu und sagt: „Das dritte Tor liegt in der Luft und dein Kuss auch!“
Mia schmeckte etwas Neues in seiner Begeisterung, etwas, das sie nicht kannte, aber ihr sehr schmeckte und sie wie Eis auf der Zunge zergehen lassen konnte.
„Möchtest du wissen, wer das Tor geköpft hat?“, fragte Herr Klauber.
„Nein! Ich will in Ruhe meinen Käsekuchen essen!“ Mia nahm ein großes Stück Kuchen und konzentrierte sich ganz aufs Kauen.
Ein Käsekuchenstück lang genossen Herr Klauber und Mia das Schweigen, das sich entspannt zu ihnen setzte. Immer wieder schielte Herr Klauber auf sein Smartphone und immer wieder schielte Mia dann zum Nebentisch.
„TOR! MEIN KUSS!“ Der Typ stand auf, verneigte sich vor Mia und stellte sich vor: „Ich bin André und werde dich jetzt küssen!“ Er kam näher und Mia, die nicht wusste, was sie tun sollte, weil sie da etwas Neues schmeckte, von dem sie mehr wollte. Als er ihre Hand nahm und einen formvollendeten Handkuss hinlegte, vergaß sie, dass er Fußball mochte. Er drehte ihre Hand herum und schrieb seine Handynummer auf die Handinnenfläche.
„Wenn du deine Sprache wiedergefunden hast, dann ruf mich an!“ Er setzte sich wieder an den Nachbartisch und ließ die völlig verdatterte und wortlose Mia da bei dem schmunzelnden Herrn Klauber sitzen, der sein Schweigen um ihre Verwirrtheit legte.
„Halbzeit.“, sagte Herr Klauber.
„Zweite Halbzeit“, murmelte Mia und lächelte erst ihm und dann André am Nachbartisch zu.

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