Sonntagmorgen und Sommer in der Stadt – Mia, Stadtschreiberin

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08:00 Uhr. Mia ging gut gelaunt den Südengraben entlang, setzte sich auf die obersten Stufen des Fritz-Kühn-Platzes und holte ihren immer noch gut gekühlten Coffee-to-go aus ihrem Rucksack.
„Mia, ich gratuliere dir zum Stadtschreiberin-Apartment. Die Miete sind deine Geschichten, gute Geschichten!“ Mia flüsterte ein wenig, prostete sich zu und schaute auf den Morgen, der zwischen den Ständen auf dem Weg und dem Rasen langsam erwachte.
„Prost!“, sagte jemand neben ihr. Die Stimme kannte sie. André. „Auf was stoßen wir denn gerade an?“, fragte er und verdeckte mit seiner langaufgeschossenen Statur die Sonne.
„Auf gute Entscheidungen zur richtigen Zeit und die guten Geschichten, die daraus entstehen!“ Mia schaute zu ihm hoch. Seine Gedanken, die voller Zuneigung für sie waren, schmeckten nach frischen Erdbeeren mit Sahne. Ihre Gesichtsfarbe nahm langsam die Farbe von Erdbeeren an, weil sie der Blick seiner Augen bis ins Mark traf.
„Alle guten Dinge sind drei!“ Er grinste. „Entscheidung plus Zeit plus Geschichte gleich Schicksal.“
„Glaubst du an Schicksal?“, fragte Mia und nahm einen großen Schluck Eiskaffee, um seinen starken Geschmack etwas zu neutralisieren.
„Ja, denn obwohl ich dir meine Handynummer auf deine Hand geschrieben habe, hast du nicht angerufen, aber ich treffe dich heute hier. Das ist Schicksal. Es meint es gut mit mir!“ André grinste.
„Also haben wir beide etwas, worauf wir gemeinsam anstoßen können, oder?“
„Bist du heute Abend auch auf dem Friedensfest zum Geschichten suchen, finden und sammeln? Ich könnte dir beim Einsammeln helfen?“
„Natürlich ganz uneigennützig! Ja, ich denke schon, mein Umzug ist erledigt. Das war nicht viel…“ Mia stockte kurz. „…was ich auspacken musste!“ Mia schwieg und André teilte dieses Schweigen mit ihr. Sie genoss es, dass er nicht blöd nachfragte.
„Also….“ Mia setze an und betrachtete die frühen Sonntagsaufsteher, die mit ihren Hunden durch den Park gingen.
„Also?“, fragte André.
Mia spürte seine nach Zitrone schmeckende Neugier, auch wenn sie nur einen Bruchteil seiner nach-frisch-gepflückten-Kirschen-vom-Baum-Aufregung schmeckte. Sie spürte, wie die graue Angst, die nach nichts schmeckte, aus dem Bauch nach oben in ihren Hals stieg und diesen zuschnürte.
„Dir macht etwas Angst, oder? Das kann ich sehen. Du bist grau!“, flüsterte André und ließ seine Worte behutsam neben Mia Platz nehmen.
Mia schaute ihn von der Seite an. „Das kannst du sehen?“
„Ja!“ Mehr sagte er nicht.
Mia holte tief Luft. „Es ist Platzangst. Ich war bei der Love Parade in Duisburg, zum Glück nur am Rand. Wir sind da durch den Tunnel und dann wurde ich immer weiter nach vorne gedrückt, konnte mir irgendwann keinen Platz mehr machen, immer mehr rückten nach, ich schrie und tobte, doch das half nichts, da wurde es so eng, dass ich keine Luft mehr bekam. Ich bin dann in einem Sanitäter-Zelt wieder aufgewacht und seitdem habe ich diese nach nichts schmeckende, graue Masse in meinem Hals, wenn ich auf Menschenmengen treffe und seitdem war ich auf keinem Konzert mehr.“
„Also, nutzt du hier die Weite und den Überblick, um trotzdem ein wenig von dem Rest der gestrigen Atmosphäre genießen zu können. Und, wie geht es deinem Grau?“, fragte André.
„Hier kann ich gut mit ihm sein. Ich brauche einen weiten und breiten Ort, etwas abseits, am liebsten oberhalb, der mich alles sehen und hören lässt, da fühle ich mich wohl. “
„Das sehe ich. Ein neugieriges Gelb wird dahinter sichtbar, wie beim Sonnenaufgang im Nebel, wenn du weißt, was ich meine.“
„Ich schmecke es!“, sagte Mia und schaute ihn an. Sein Blick war so intensiv, dass sie kurz Luft holen musste, doch sie hielt ihm stand und als sie seinen Wunsch schmeckte, lachte sie und flüsterte „Ja.“
Sein Kuss schmeckte nach ihrem Lieblingseis. Nach der harten Schokoladenschicht kam das cremige Waldfruchteis.

Am späten Sonntagabend saßen sie immer noch da auf den Stufen, am Rand, etwas erhöht und genossen FX3, die sie beide mochten.

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