Scrabbie – Jede Silvesternacht geht es weiter

Scrabbie oder am Rand einer Tasse Kakao (Zur Erinnerung, Teil 1 und wie alles begann)

„Das Leben also hat dich hierher getrieben. Ein großes Wort für einen noch so jungen Menschen wie dich!“ Er trank den Jägermeister auf Eis in einem Schluck aus.
„Ja, das verfickte Scheißleben und so viel älter bist du ja auch nicht, auch wenn du schon so alt aussiehst!“, antwortete Scrabbie und schaute ihn angriffslustig an.
„Moment junge Dame, nur, weil es hier nicht so etepetete aussieht, ist das noch lange kein Grund sich sprachlich in meinen vier Wänden auszukotzen. Ein bisschen mehr Niveau in der letzten Minute dieses Jahres, bitte. Auch einen Jägermeister? Geht aufs Haus, denn außer dir ist gerade niemand da, mit dem ich anstoßen kann!“ Er schüttete zwei Jägermeister auf Eis und reichte ihr ein Glas.
Scrabbie nahm es schweigend und schaute ihn an. Er war vielleicht Ende zwanzig, das ließ sich schlecht schätzen, denn sein Kopf war kahlrasiert, was ihm ziemlich gut stand. Das Leben hatte sich außerdem schon tief in sein Gesicht eingegraben.
„Wenn es das Leben ist, das dich hierher geführt hat, sollten wir auch auf genau das anstoßen. Auf das Leben…“ Er suchte kurz nach Worten und hob bei den Nächsten das Glas. „…wie es sein kann!“
„Ja, auf das Leben, wie es ist, wenn…“ Ihre weiteren Wörter gingen in einem ohrenbetäubenden Knall unter, der den Rest der Glasscheibe neben der Eingangstür aus dem Rahmen riss und in tausend kleinen Scherben auf den Boden klirren ließ.
„Diese verfluchte Silvester-Ballerei; ich wusste schon, wieso ich die Fensterscheibe im letzten Jahr nicht habe reparieren lassen.“ Mit diesen Worten stellte die Flasche Jägermeister, die er in der Hand hielt, mit voller Wucht auf die Theke, dass er überschwappte und rannte zornig nach draußen.
Scrabbie sah ihm nach, trank einen Schluck und verzog den Mund. Nicht ihr Getränk. Nur dieser eine Schluck verursachte ihr schon solche Kopfschmerzen, mit denen andere erst am nächsten Morgen aufwachten, wenn sie zu viel davon oder mit anderen seiner Art durcheinander davon getrunken hatten.
Sie schaute durch den scheibenlosen Rahmen des Fensters hinter ihm her. Die dunkle Straße wurde durch bunte Lichter erhellt und ließ die heruntergekommenen Häuser nach dem Verglühen der Feuerwerkskörper wieder gnädig im Dunkel der Nacht verschwinden. Sie seufzte.
Sie liebte diese Nacht der Nächte. Sie wusste um ihre Magie und Macht und Schönheit. Seit drei Jahren war sie auf der Suche nach ihrem Leben
„Schmeckt dir mein Jägermeister nicht?“. Er stand außer Atem vor ihr und zeigte auf das noch fast volle Glas in ihrer Hand.
„Na ja, ich kriege Kopfschmerzen davon. Kann ich noch so einen Kakao kriegen?“
Er grinste und sagte: „Na klar. Gib mir das Glas, ich hab die Kopfschmerzen erst morgen!“ Er nahm ihr das Glas aus der Hand und ihre Finger berührten sich nur für den Bruchteil einer Sekunde.
Sie zuckte erschreckt zurück, weil sie diese völlig unerwartete Berührung in die erste Vision seit drei Jahren katapultierte, in der sie selbst vorkam. Sie sah sich neben ihm, auf der Bank im Park, er las ihr vor, sie hörte zu, sah glücklich aus. Wie konnte das sein, nach allem, was geschehen war? Eine Vision. Die erste nach dem Tod ihrer Patentante. Eine, die…
„Ähmmm…“ Er räusperte sich. „Könntest du meine Hand wieder loslassen. Ich weiß ja, welche Wirkung ich auf Frauen habe, deshalb arbeite ich auch hier, damit mir das nicht dauernd passiert…“ Er grinste schief und nahm seine Hand behutsam aus ihrer.
„Tschuldigung, ich…“ Sie wusste nicht weiter und wurde rot.
„Kein Problem, ich bin schon schräger angemacht worden! Den Kakao mache ich dir natürlich trotzdem.“
„Ich habe dich nicht angemacht. Ich kann… Ich hatte… Ich…“ Sie war mit jedem Wort einen Schritt näher auf ihn zugegangen und blieb mit ihren angefangenen Sätzen direkt vor ihm stehen.
„Küss mich ruhig!“, sagte er grinsend. „Wenn du es nicht tust, mache ich es! Also? Welches Wort mit „K“ hättest du gerne? Kuss oder Kakao. Und wenn dir die Entscheidung leichter fällt, jemanden zu küssen, dessen Namen du kennst. Mein Name beginnt auch mit „K“. Kasper.“
Sie prustete los. „Kasper?“
„Ja, Kasper! Auch diese Wirkung auf Frauen ist mir sehr vertraut, wenn Sie meinen Namen hören. Wie ist deiner? Ich küsse lieber Frauen, deren Namen ich kenne.“
„Scrabbie!“, sagte Scrabbie.
„Mmh, Scrabbie und Kasper. Dieses Jahr kann nur besser werden als das letzte.“ Er beugte sich langsam zu ihrem Gesicht und als seine Lippen ihre berührten, schmeckte sie klebrigen Jägermeister, der ihr zu ihrer Überraschung keine Kopfschmerzen machte und nach mehr schmeckte…
„Und, Scrabbie, meinst du Kakao und Jägermeister vertragen sich?“
„Ich weiß nicht, meine Gedanken denken jetzt schon in Klischees. Wie soll das nur weitergehen?“
„Probier es aus!“
Beim nächsten Kuss vergaßen sie alles um sich herum und bemerkten den Schatten an der gegenüberliegenden Hauswand nicht, der sie beobachtete.
[…]
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