Aus der Schreibwerkstatt: Schreiben zu Bildern

Foto: © Frank Kunert – Transit (lat.: trans=durch; ire=gehen)

Er arbeitete schon sein ganzes Leben hier. Eine andere Arbeitsstelle hatte er nie gehabt. Nicht einmal anlernen mussten sie ihn für diese Stelle. Er hatte das Schild an der Eingangstür zum Keller der Firma gelesen:
„SUCHEN FÜR SOFORT UNTERWASSER-SACHBEARBEITER.
AUSSER UNTER WASSER ATMEN KEINE VORKENNTNISSE NÖTIG!“
Und da er genau das jahrelang trainiert hatte, um genau zu sein, seit dem Tag, an dem er mit fünf Jahren in der Badewanne seiner Großmutter tauchen gelernt hatte, war er perfekt für diese Stelle.
Zu seiner Einstellung waren weder andere Mitbewerber vorhanden noch viele Wörter nötig. Genau genommen, waren nicht einmal Wörter gefallen, weil niemand da war, der ihn einstellte.
Die Tür zu seinem zukünftigen Büro stand weit offen. Der Arbeitsplatz war vorbereitet. Eine vergilbte Landkarte an der Wand hinter dem Schreibtischstuhl. Eine traurige Topfpflanze auf der Ablage des Tresens und davor ein alter Koffer neben einer abgegriffenen Handtasche machten das Bild, das auf ihn zu warten schien perfekt. Ansonsten war das Zimmer leer.
Er setzte sich nur so zur Probe auf den Stuhl, weil er wissen wollte, wie es sich anfühlte da hinter dem Tresen vor der geöffneten Tür. Von seinem Platz aus konnte er den ganzen Raum überblicken und natürlich in den Raum hinter der Tür, die über die Kellertreppe nach oben in die Welt zurückführte, aus der er gekommen war. Gegenüber war ein kleines, verglastes Kellerfenster, in das wenig Licht einfiel und das wenige Tageslicht so eine Lampe ersetzte, die es in diesem Zimmer nicht gab.
Da er sonst in seiner Welt nichts anderes zu tun hatte und ihn das Tauchtraining in der Badewanne seiner Großmutter, die längst verstorben war, zu langweilen begann, kam er fortan jeden Tag hierher zurück und setzte sich auf den Stuhl hinter den Tresen.
Dort blieb er jeden Tag solange sitzen, bis er seine Hand vor Augen nicht mehr sah und nur noch mühsam über die Kellertreppe nach oben zurück in seine Welt gelangte, aus der er gekommen war.
Im ersten Jahr fragte er sich oft, wann er hier mal einen anderen Menschen zu Gesicht bekommen würde. Doch diese Frage verschwand allmählich mit dem Wunsch nach einer Antwort und dem Verlangen wieder zurück nach oben durch die Tür zu treten, die über die Kellertreppe nach oben in die Welt zurückführte, aus der er gekommen war.
Es kam niemand, um nach ihm zu schauen, ob er da war und ob er seine Arbeit erledigte. Seit dem ersten Tag, an dem er auf dem Schreibtischstuhl Platz genommen hatte, bekam er pünktlich sein Gehalt, immer zum zehnten eines Monats. Vermutlich weil er an einem zehnten des Monats vor vielen Jahren angefangen hatte.
Ob das nach all den Jahren, nachdem er seinen Platz nicht mehr verlassen hatte, immer noch so war, wusste er nicht und so saß er da und rechnete sich aus, wieviel Geld er für eine neue Badewanne sparte, weil er nicht mehr nach oben durch die Tür trat, die über die Kellertreppe nach oben in die Welt zurückführte.

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