Die Sprache unserer Träume

In dieser Nacht hatte sie von ihm geträumt, war in seiner Wohnung wach geworden. Sie lag nackt im Bett. Neben dem ihrem stand ein weiteres Bett, in dem auch eine Frau lag, die noch schlief.
Sie stand auf, um ihn zu suchen und mit jedem neuen Zimmer, das sie betrat, begegnete sie anderen Menschen, meist Frauen. Das verwunderte sie nicht. Sie kannte niemanden. Alle anderen schienen sich und natürlich ihn zu kennen, nickten ihr wortlos zu und redeten weiter, als sei sie nicht da.
Sie fühlte sich durchsichtig und unsichtbar. Und dann stand er plötzlich neben ihr, lächelte ihr zu. Es war seine unverwechselbare Art, mit seinen Augen, sein Lächeln beruhigend um sie zu legen.
Er las gerade einen handgeschriebenen Text, den er auf sein rechtes Bein legte, das er auf einem Stuhl vor sich aufgestellt hatte. Die Handschrift war unleserlich und sie spürte ihre Neugier und das Wissen, das dieser Text ein Geschenk für ihn und nicht für sie bestimmt war. Als sein Bein kurz ihre Hand berührte, wusste sie, was sie zu tun hatte.
Sie schaute ihn noch ein letztes Mal von der Seite an und schmeckte seine körperlich spürbare Lust auf diese neuen, frischen Wörter, die er gerade las, die ihn alles um sich herum vergessen ließen.
Sie ging zurück in das erste Zimmer; neben dem Bett lagen ihre Kleidungsstücke, die sie eins nach dem anderen wieder anzog.
Sie verließ ungesehen die Wohnung und im Hausflur holte sie seinen Schlüssel aus ihrer Hosentasche und warf ihn in seinen Briefkasten. Der Schlüssel würde schnell wieder eine neue Besitzerin finden, da machte sie sich keine Illusionen. Und als sie aus dem dunklen, gewohnt engen Haus trat, atmete sie tief durch und ging langsam die Straße entlang, ohne sich noch einmal umzudrehen.
An einem Café, nur ein paar Straßen weiter, als ihre Tränen getrocknet waren, hielt sie an und setzte sich nach draußen in den noch kühlen Morgen des nächsten Tages, den sie fortan ohne ihn begrüßen würde.
Sie tunkte das ofenwarme, mit den Fingern abgerissene Stück Brioche in den Milchschaum des französischen Milchkaffees, der ihr in einer großen, dunkelblauen Schale serviert wurde und schmeckte das Leben, das bereits am Nebentisch Platz genommen hatte.

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