Balance

Foto: Sonja

Sie schaute nicht einmal mehr auf ihre Füße. Die wussten, was ihre Aufgabe war. Sie waren stets in Bewegung und hielten die Balanceund ihr Leben auf Schritt und Tritt im Gleichgewicht. Jedes Mal dachte sie, nichts könnte ihr mehr etwas anhaben, war sie doch glücklich mit dem Leben, das sie sich hart erarbeitet hatte.
Und dann waren sie wieder da, die beiden Damen, die sich langsam an sie heranschlichen, sie umgarnten mit Worten, sie mit ihren eigenen Träumen verführten und bei allem, was sie erreicht zu haben schien, unbarmherzig auf das wiesen, was ihr angeblich fehlte. Sie legten sich in diesen Tagen jede Nacht zu ihr ins Bett, nahmen sie in ihre Mitte, schliefen erst mit ihr und dann bei ihr ein.
Die Nostalgie und die Melancholie, sie kamen immer mal wieder vorbei. Sie gaukelten ihr vor, weiter suchen zu müssen und nicht rasten zu können. Spielten mit Bildern und Filmen, Geschichten und anderen Illusionen, die sie ihr als Wahrheit anboten, bis sie vor lauter Überfluss nicht mehr wusste, wie sie selbst das fand, immer darauf bedacht, nur nicht ihr Gleichgewicht auf der goldenen Kugel zu verlieren.
Bis zu dem Moment, als sie ihn traf, der auf einer ähnlichen Kugel balancierte und sie beide, behutsam auf ihr Gleichgewicht achtend, einander einen Moment zu lang ansahen. Wer von ihnen beiden zuerst das Gleichgewicht verlor, war unwichtig geworden, als sie ihre goldenen Kugeln Kugeln sein ließen und sich da an der Haltestelle auf die Bank setzten, dort auf die Linie Fünfzigzwanzig warteten und von Godot, der das Warten aufgegeben hatte, vom geöffneten Fenster gegenüber beobachtet wurden.
Ihr erster Kuss besiegelte mehr Ordnung als ein mühsam gehaltenes Gleichgewicht das vermocht hätte.

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