Der Melodiensucher

Der Spitzname „Kleiner Prinz“, der verfolgte ihn seit seiner Kindheit, als sein Mitschüler Konrad das bei einem Besuch im herrschaftlichen Haus seiner Eltern mitbekam, wie das Personal ihn hinter seinem Rücken abwertend nannte. Der, der für diesen Namen gesorgt hatte, gehörte nachträglich erschossen. Das hatte er einmal gesagt, als er diesen Western mit John Wayne gesehen hatte. Die Ohrfeige, die er von seinem Vater danach bekam, hatte er bis heute nicht vergessen und er spürte den Schmerz noch heute, wenn er die Augen schloss. Und der, der ihn immer so genannt hatte, starb gerade schon von alleine, vegetierte im Augustinum am Hamburger Hafen vor sich hin.
„Standesrechtlich erschossen. Ich habe das in den letzten Kriegstagen alles noch angeordnet, das war damals so, niemand sonst hatte den Schneid, das zu machen! Waren alle verweichlicht.“
So oder so murmelte sein Großvater das, in seinen nur noch bettlägrigen, Tagen immer wieder vor sich hin. Besonders dann, wenn seine Erinnerungen in den Krieg zurückfielen. Wenn es nach ihm ginge, in seinen noch wenigen hellen Momenten, in denen er wieder die Gegenwart um ihn herum realisierte, hätte er heute auch alle Flüchtlinge erschossen oder gleich im Mittelmeer mit Kriegsschiffen versenkt und an der Grenze erschossen. Sein Sohn, sein Vater, der ihn nur noch alleine besuchte, hielt sein Gerede schweigend aus oder ließ die Medikamente erhöhen, damit er noch mehr schlief. Die Seniorenresidenz ertrug den alten Herrn, weil er die mehr als 2.000€ monatlich plus des fürstlichen Upgrade des Sohnes immer pünktlich überwiesen wurden.
Er hatte ihn zum Schluss nicht mehr besucht. „Mein kleiner Prinz. Du musst jetzt mein Werk vollenden.“ Diese Worte gingen ihm längst nicht mehr aus dem Kopf, verfolgten ihn im Schlaf und überließen seinen Alpträumen seinen Auftrag auszuführen. Bilder voller Blut und Schreien. Bald sah er das überall.
Nur, wenn er zuhause in Winterhude an seinem Klavier saß, konnte er sie wegspielen. Die Melodien brachten die Bilder dorthin zurück, woher sie gekommen waren. An solchen Tagen rief immer seine persönliche Krankenschwester an, sein Großvater hätte nach ihm gefragt, heute sei es besonders schlimm, er würde nach ihm verlangen. Er verlangte nach ihm, dem kleinen Prinzen. Andere wünschten sich seinen Besuch, einfach ihn, Ferdinand Konstantin. Seinen zweiten Namen verdankte er seinem Großvater. Außer ihm nannte ihn niemand mehr so.
Er öffnete die Tür zur Dachterrasse am Goldbekufer und holte tief Luft. Das Telefon hatte er längst auf lautlos gestellt auch sein Smartphone war aus. Eine Windböe fuhr durch sein Gesicht und er spürte den kühlen Wind auf seiner Wange. Seine Hände, die bis eben noch das Geländer der Terrassengeländers umklammert hatten, lockerten sich. Er nahm sie vom Geländer, hob sie vor sein Gesicht und betrachtete die feinen Linien in den Handinnenflächen. Eine zweite Windböe fuhr seine Lebenslinie zärtlich nach und flüsterte ihm etwas zu, das sein Herz beruhigte.
Wie immer in diesen Tagen, wenn sein Leben ihn einzuholen drohte, fand er hier seine eigene Melodie wieder, wurde er in dem gefühlten und gespielten Klang er selbst. Aus dem kleinen Prinzen wurde Ferdinand. Ferdinand Meyer, Klavierspieler und Melodiensucher.

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