„Was vermisst du zu Weihnachten?“

Hier gibt es Mias Weihnachtsgeschichte als Pdf und MP3-Datei.

Der 4. Advent und weit und breit kein Schnee in Sicht. Mia war das recht. Sie hasste Schnee, der war ihr zu weiß und zu kalt. So konnte sie dieses Jahr nicht nur auf Winterreifen verzichten, sondern all die Kinos in der Umgebung besuchen, ohne mit Schneefall oder gar Eisglätte rechnen zu müssen.
„Mia, du bist in den falschen Breitengraden geboren!“, hatte ihre Oma immer gesagt, die wirklich alle Register gezogen hatte, um das zu ändern. Angefangen von überraschenden Einladungen in den Skiurlaub bis nach Garmisch oder wundervollen Geschichten, die von Schnee nur so wimmelten. Nicht einmal „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ vermochte daran etwas zu ändern.

Mia schaute auf die Postkarte zum Kinofilm „4 Könige“ auf dem Stehtisch im Cinema Wuppertal. „Was vermisst du zu Weihnachten?“. Diese Frage, die Fedja, einer der vier Jugendlichen, die Weihnachten in der Psychiatrie verbringen, stellte, nahm neben ihrer Flasche mit Rhabarberschorle Platz und setzte sich abwartend auf die runde Tischplatte.
Mia war noch ganz in der gerade gesehenen und so feinfühlig erzählten Geschichte aus der Psychiatrie gefangen und versuchte sich von den Bildern zu lösen, die wie eine Melodie in ihrem Kopf leise summten. Mit dem letzten Schluck der Schorle waren zwar das Getränk nicht aber die Melodie verschwunden.
„Ich vermisse Sie, Herr Klauber!“, flüsterte Mia und strich behutsam über die Postkarte, als könne sie so die aufsteigende Traurigkeit, die ihr zum ständigen Begleiter geworden war, wegwischen. Drei Weihnachten waren nach dem Tod von Herrn Klauber ins Land gegangen. Für Mia war Weihnachten eine Jahreszeit wie jede andere auch. Doch, nicht ein Weihnachten hatten sie gemeinsam verbracht. Sie wusste nicht einmal, wie er Weihnachten gefeiert hatte. Na ja, das war nicht ganz richtig. Im ersten Jahr nach seinem Tod hatten seine Enkelin Miriam und ihre Eltern sie eingeladen. Mia hatte all ihre Ängste und ein besonderes Weihnachtsgeschenk gut in Geschenkpapier eingewickelt und verschnürt und war am 1. Weihnachtstag zu ihnen gegangen. Natürlich hatten sie einen Weihnachtsbaum, bestimmt eine Nordmanntanne, dachte sie beeindruckt.
„Möchten Sie ein Stück Christstollen?“, hatte Miriams Mutter gefragt.
„Nein, danke, ich mag …!“ Mia hatte eine kurze Pause eingelegt und überlegt, wie sie es ausdrücken sollte. „… keine Rosinen.“
„Wie Opa!“, lachte Miriam, „deshalb sind da auch keine drin, nicht wahr, Mama.“ Ihre Mutter lächelte. Ihre Augen glänzten.
Mia entspannte sich und nahm ein Stück. So einen Stollen hatte sie in ihrem Leben noch nie gegessen.
„Opa war der ganze Schnickschnack immer zu viel!“, hatte Miriam in das Schweigen der ins Stocken geratenen Unterhaltung bei einem festlich gedeckten Tisch und selbstgebackenen Keksen gesagt. „Bis auf seine Krippenfiguren, die durfte niemand anrühren oder gar selbst aufbauen!“
Mias Vater lachte. „Ich habe einmal den Esel etwas verrückt. Er hat ihn sofort wieder zurückgestellt. Er war eine Seele von Mensch, aber bei seinen Krippenfiguren verstand er keinen Spaß.“
Mia schaute suchend zum Weihnachtsbaum. „Wo stehen sie?“, fragte sie und schaute auf.
„Darf ich?“, fragte Miriam und stand auf. Ihre Eltern nickten.
Miriam rannte los und kam mit einer alten Holzkiste zurück. „Die ist für dich und jetzt sag nicht nein; wir möchten, dass du sie bekommst!“ Miriam strahlte sie an.
Mia wusste nicht, was sie sagen sollte. „Ich … aber … danke!“
Miriams Vater kam zu ihr. „Liebe Mia, mein Vater hätte eine große Freude daran, diese Figuren bei Ihnen zu wissen.“
„Und wir wissen eh nicht, wie wir sie richtig aufstellen sollen, ohne ihn!“, sagte Miriam mit einer Träne im Augenwinkel.
Mia schaute diese drei Menschen an und nickte wortlos, dann öffnete sie behutsam den Verschluss, der etwas schwerfällig ging.
Darin lagen in einer Samteinfassung wunderschön geschnitzte Holzfiguren. Ein weißer Zettel lag obenauf. Mia schaute die drei fragend an. „Na los!“, forderte Miriam sie auf.
Mia öffnete den Zettel, erkannte, was er bedeutete und begann laut zu lachen. „Herr Klauber, Sie sind einfach unglaublich.“ Miriam und ihre Eltern stimmten in ihr Lachen ein. Auf dem Zettel war gewissermaßen ein Grundriss eines Stalls zu sehen, auf dem genau eingezeichnet war, wo sich die Krippe befinden musste und wer in welchem Abstand zu wem aufgebaut werden sollte. Sie legte das Blatt Papier auf den Tisch, strich es behutsam glatt und begann eine Figur nach der anderen aufzubauen, bis sie vollständig waren.
„Ich wusste, dass die Figuren bei Ihnen in den besten Händen sind!“, strahlte Miriams Mutter und wischte sich verstohlen eine Träne vom Gesicht.
„Ich danke Ihnen von Herzen! Und das ist für Sie!“ Mia kramte in ihrem Seesack und holte eine große schwarze Schatulle heraus. „Fröhliche Weihnachten!“ Jetzt war es an ihr das gerade erhaltene Geschenk weiterzugeben.
„Darf ich?“, quengelte Miriam. Sie öffnete das Paket und riss ungläubig die Augen auf. „Das Buch ist von Opa!“ Ihre Eltern schauten überrascht und überwältigt abwechselnd auf das Buch und dann wieder auf Mia, die bei so viel Aufmerksamkeit hoffnungslos rot wurde.
„Na ja, also …“. Mia räusperte sich. „Das hat Herr Klauber alles per Hand geschrieben und ich habe es abgeschrieben und seine Geschichte daraus gemacht für Sie! Und wenn Sie es erlauben, wird der Verlag dieses Buch auch für andere drucken.“
„Wenn Wörter uns halten, von Franz Klauber!“, las Miriams Vater leise und sichtlich gerührt.
Der Moment der folgte, verband alle drei wortlos miteinander und es war, als wäre Herr Klauber da bei Ihnen und würde sich an dem erfreuen, was er sah. Dieses Weihnachtsfest würde Mia niemals vergessen. Es war ein Weihnachtsfest ohne Herrn Klauber und doch nicht ohne ihn.

Mia seufzte.
„Na, hat du wieder Klauberitis?“, fragte zärtlich eine Stimme hinter ihr und strich ihr mit diesen Worten und der Hand behutsam über die Schulter. Mia seufzte und versuchte sich ganz in diese so vertraut gewordene Hand hineinzukuscheln.
Konrad, der gerade vom Klo kam, legte seinen Arm um sie und schaute sie an. „Können wir?“, fragte er.
Mia nickte und die beiden verließen schweigend das Kino.
„Ist dein Lieblingscafé hier in Wtal jetzt eine gute Idee oder ist die Erinnerung heute zu bitter?“ Mit Konrads Frage wechselte auch das Rot der Fußgängerampel auf Grün.
Mia überlegte nicht lange. „Ja, ein Kaffee ist immer eine gute Idee, weißt du doch!“ Sie hatte in den letzten Jahren so viel erreicht: Das Buch über Herrn Klauber geschrieben, eine Lesereise durch ganz Deutschland gemacht und war in diesem Jahr fast mit Konrad zusammengezogen. Jetzt lebten sie Tür an Tür auf derselben Etage.
Doch immer wieder zu Weihnachten suchte sie diese unheimliche Traurigkeit auf, vor der sie bisher meist schreibend Reißaus genommen hatte. Doch das war, seitdem sie Konrad kannte, anders geworden, sie musste nicht mehr immer Reißaus nehmen, manchmal schaffte sie es, da zu bleiben und mit ihm darüber zu reden oder gemeinsam zu schweigen. Konrad konnte damit gut umgehen.
Sie hatten ihr eigenes kleines Weihnachtsritual entwickelt. Also, eigentlich hatte Konrad nur die wenig übriggebliebenen Dinge, die Mia an Weihnachten ertragen konnte, für sie besonders aufbereitet. Das waren natürlich die Krippenfiguren von Herrn Klauber unter dem nicht vorhandenen Weihnachtsbaum. Konrad baute ihnen einen Stall aus Holzresten. Ein Gesteck mit einer Lichterkette und blauen Lichtern und selbstbeschriebenen 24 Zetteln, auf denen Konrad jeden Tag die Fortsetzung einer Geschichte bis zum Heiligen Abend vorfand. Mia las sie ihm in der Woche am Abend oder am Wochenende beim Frühstück im Bett vor.
„So ist er doch jedes Mal noch bei uns, oder?“, fragte Konrad leise.
Mia nickte und nahm seine Hand.
„Schade nur, dass es mir nicht vergönnt war, den alten Herrn kennenzulernen, wegen dem ich jetzt so oft in Cafés sitzen muss“, frotzelte Konrad, als sie so nebeneinander auf dem Sofa am Tisch am Fenster saßen und im Kerzenschein der vierten angezündeten Kerze in den hereinbrechenden Abend schauten.
„Es gibt doch Schlimmeres, oder?“, fragte Mia lachend und trank den nächsten Schluck Kaffee.
„Rhetorisch, oder?“, fragte Konrad und trank ebenfalls einen Schluck Kaffee.

Teile Deine Gedanken mit

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen