Wenn Wörter leuchten …

Hier ist die komplette Geschichte als Pdf-Datei zum Download bereit.

Mia saß am kleinen Tisch in der Fensternische des Treppencafés, das in diesem Jahr das erste Mal in der Silvesternacht geöffnet hatte. Monika, die Pächterin des Cafés, hatte Konrad gefragt, ob er ihr in dieser Nacht im Service helfen könnte. Sie erwartete nicht viele Gäste, aber die, die kamen, wollte sie auch mit einem kleinen Essen und einem gewohnt erstklassigen Service bewirten und mit ihnen gemeinsam das neue Jahr begrüßen. Konrad brachte noch eine passende Süßkram-Auswahl in seinen Tante-Emma-Gläsern und kleine Packungen Wunderkerzen aus dem Kiosk mit.

Hier, neben der Treppe zum Fritz-Kühn-Platz wurde in dieser Nacht keine Party veranstaltet, nicht so, wie in vielen anderen Stadtteilen Iserlohns. Den ganzen Abend über waren die wenigen Tische belegt. Viele kamen aus Neugier oder auf dem Weg zu einer Feier noch auf einen Kaffee oder einen Sekt vorbei, den es heute mit und ohne Alkohol gab. All denen, die Auto fahren musste, bot Monika einen leckeren Traubensecco an, den Mia als Empfehlung des Literaturhotels kannte und wo sie die Flaschen für diesen besonderen Abend besorgt hatte. Andere kamen aus der direkten Nachbarschaft und wollten in dieser Nacht nicht alleine sein. Das hatten sie oftmals mit denen gemeinsam, die einen langen Weg hinter sich hatten und aus Kriegsgebieten hierher nach Deutschland geflohen waren und jetzt hier in Iserlohn lebten. Wieder andere kamen, weil sie wussten, dass es hier für Kaffee keine Sperrstunde gab.
Mia schaute von ihrer Schreibkladde auf. Konrad brachte ihr gerade ein Glas Traubensecco, das er auf ihren Tisch stellte.
„Und, klappt es mit deiner Silvestergeschichte?“ Er setzte sich einen Moment zu ihr und schaute sich im kleinen Café um, das an diesem Abend nur mit echten Kerzen erleuchtet war und viele Tische in ein angenehmes Schattenlicht tauchte.
„Es ist eine gute Idee, dieses Café heute zu öffnen und es passt hierher, zu dem Ort und seinen Menschen!“
Mia nickte, schaute ihn an und deutete dann mit ihrer linken Hand auf den Abreiss-Kalender über ihrem Tisch, den sie heute neu aufgehängt hatte.
„Und, wo ist der Kalenderspruch für heute?“ Konrad schaute sie fragend an.
„Die Zeit verrinnt, die Spinne spinnt in heimlichen Geweben. Wenn heute Nacht das Jahr beginnt, beginnt ein neues Leben. ‘‘ Mia las den Text laut vor.
„Joachim Ringelnatz.“, rief Frau Raumann vom Nachbartisch, die heute das erste Mal den Weg ins Café gefunden und sich gerade die Spezialität des Hauses, das Klaubergedeck, bestellt hatte. Frau Raumann war eine immer sehr adrett gekleidete ältere Dame, die vor ihrem Ruhestand bei B&U als Verkäuferin gearbeitet hatte und der Mia immer mal wieder im Café KT am Bahnhof begegnet war, als das noch geöffnet hatte.
„Ja, genau!“, bestätigte Mia. „Joachim Ringelnatz!“ Sie faltete den Zettel wieder zusammen und steckte ihn in die Hosentasche.
Ein junger Mann mit einem abgewetzten Rucksack auf dem Rücken war gerade in das Café hineingekommen.
„Ist hier eine geschlossene Gesellschaft, wie überall sonst?“, fragte er leise.
„Nein, hier wird anders gefeiert, irgendwie still, ohne, dass es ruhig ist! Keiner muss Eintritt zahlen und jeder kommt und geht, wie es ihm gefällt.“, erklärte ihm Konrad, der aufstand und ihm ein Stück entgegenging, weil er ein wenig verloren im Türrahmen stehengeblieben war. Der junge Mann nickte und setzte sich an einen Tisch, nahe bei der Eingangstür.
„Möchten Sie etwas trinken?“
„Ja, einen Kaffee bitte!“ Er stellte seinen Rucksack neben seinen Stuhl.
„Kommt sofort!“ Konrad ging hinter die Theke und bereitete einen Kaffee zu, den er auf ein grünes Tablett stellte, auf das er noch ein Stück Eiskonfekt aus dem Kühlschrank legte.
Mia schaute aus dem Fenster in die letzte und zugleich erste Nacht des alten und neuen Jahres. Wie lange hatte sie selbst einen solchen Ort gesucht. Einen, an dem sie die ganze Nacht ohne Bestellzwang sitzen und schreiben, die Menschen beobachten oder Gespräche von einem zum nächsten Tisch führen konnte. Einfach so.
Sie sah es in den Gesichtern der wenigen Menschen, die den Weg hierher gefunden hatten: im Strahlen der Augen von Frau Raumann, zu dem sich gerade Peter setzte, der begann ihr von seiner Begeisterung für Steine zu erzählen; der junge Mann, mit dem Konrad auf seine schweigsame Art ein Gespräch begann, das dazu führte, dass sich der junge Mann sichtbar entspannte und noch Konrads legendäre Currywurst mit Pommes-Mayo bestellte und mit Heißhunger hinunterschlang. Monika stand vor dem Café, rauchte sich eine Zigarette und unterhielt sich dabei auf der Treppe mit den Menschen, die sich an diesem Abend dort aufhielten, mal auf Deutsch und dann auch auf Englisch.
All diese Wünsche und Träume, die sich in diesem Jahr nicht erfüllt hatten, schmeckte Mia in diesem Augenblick und genauso schmeckte sie die Hoffnung, die in diesem kleinen, nur mit Kerzen erleuchteten Café verborgen war, dass es nächstes Jahr besser werden und noch mehr von dem passieren würde, was in diesem Jahr gut gewesen war.
„Zeit für Wunderkerzen, Anstoßen und Gummibärchen-Tarot!“, rief Monika und kam wieder ins Café hinein. Sie verteilte Wunderkerzen und Getränke und Konrad brachte den Eimer mit Sand vor die Tür.
„Wünscht euch etwas, zündet dabei eure Kerzen an und Punkt Mitternacht stoßen wir alle zusammen auf unsere Wünsche an!“, erklärte Monika.
Und so standen sie alle um Mitternacht da vor der Tür des Treppencafés, Mia, Konrad, Monika, Frau Raumann, Peter und der junge Mann, der Jonas hieß, die Männer von der Treppe und die drei jungen Männer aus Syrien. Sie alle schauten auf ihre Wunderkerzen, die in einem Eimer mit Sand brannten, und stießen mit einem Getränk des Hauses auf das neue Jahr an.
Und wem das noch nicht genug war, der ließ sich von Monika noch von den Gummibärchen und ihren Tarotkarten die Zukunft erzählen.
„A peaceful new year for all of us!“, sagte der dunkelhaarige Syrer Samir und ging mit einem Lächeln wieder zurück ins Café.
Mia und Konrad waren die letzten, die noch draußen vor dem Café standen und schweigend das neue Jahr begrüßten.
„Und, ist es so, wie du es dir vorgestellt hast?“, fragte Konrad irgendwann leise in die lauter werdende Stille des neuen Jahres.
„Ja und noch viel schöner, weil dieser Ort nicht mehr nur auf dem Papier steht, denn jetzt leuchten seine Wörter weit über den Zeilenrand hinaus. Für all die, die sich für einen Moment lang, aus dem Schatten, den ihr Leben wirft, heraustrauen!“ Mias Antwort schmeckte nach einem frisch aufgeschnittenen Granatapfel und nach mehr …

  1. Sonja sagt:

    Habe schon gewartet auf deine Geschichte, die das Jahresende und alle Hoffnungen und Träume für das neue Jahr so schön verbindet …
    Das CAFÉ wird immer lebendiger -ich wollte gerade schon die muckelige Jacke anziehen und losgehen – und ich bin mir sicher, es wird viel passieren in 2016!
    Glaub an deine Träume … Sonja

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