Neuer Mia-Text I

Sonntags im Treppencafé

Mia schaute gedankenverloren auf den leeren Stuhl vor sich. Ihr war der Appetit vergangen, auch wenn die bittersüße Geruch von Kaffee und Käsekuchen verführerisch in ihre Nase kroch … Mia liebte diesen Geruch der Vorfreude auf diesen besonderen Geschmack, der nach dem Menschen benannt war, den sie so sehr vermisste.
Heute war es auf den Tag genau zwei Jahre her…

Vielleicht lag es daran, dass sie ein zweites Klaubergedeck für den leeren Stuhl bestellt und, dass die Bedienung sie wieder so komisch angesehen hatte. Na ja, sie kannten die Mitarbeiterinnen des Cafés schon, auch, dass es Tage gab, an denen sie ein zweites Gedeck für den leeren Stuhl bestellte. An ihren Aufenthalt in dem Café hatten sie sich gewöhnt, mehr oder weniger, auch wenn sie sich sehr deutlich von dem üblichen Publikum unterschied. Nicht gewöhnt hatten sie sich an ihre Bestellung für den leeren Stuhl. Wie sollten sie auch, Mia hatte sich ja selbst nicht an den leeren Stuhl gewöhnt und daran, dass Herr Klauber dort nie mehr sitzen würde.
Manchmal vermisste sie Herrn Klauber so sehr, dass sie unbedingt zu ihrem Lieblingsplatz in dieses Café musste. Manchmal reichten der Duft und der Geschmack einer Tasse Kaffee und eines Stücks Käsekuchen. Manchmal bekam sie davon keinen Bissen hinunter. Und wieder manchmal, so wie heute, brauchte sie eine zweite Bestellung, weil sie mit Heißhunger beides und die Erinnerung an ihn hinunterschlang, weil sie ihm so viel erzählen wollte und niemand da war, der auf dieselbe Weise zuhörte.
So saß Mia auch heute vor ihrer Bestellung und dem leeren Stuhl und der zweiten Bestellung und begann ein Selbstgespräch, das sie schon so oft geführt hatte. Oft schrieb sie danach noch in eine Kladde, so, als sei er noch da.
„Entschuldigen Sie, ich sehe, Sie warten noch auf jemanden, der nicht mehr kommt, darf ich mich zu Ihnen setzen und Ihnen Gesellschaft leisten, wohlwissend, dass ich Ihren Gast nicht ersetzen kann?“ Mia schaute auf. Überall im Café waren noch eine Menge freie Tische. Eine ältere Dame stand mit einem Lächeln vor ihrem Tisch und deutete auf den freien Platz neben dem leeren Stuhl. Ihre Stimme schmeckte nach einem frisch gepressten Orangesanft mit einer ehrlichen Prise Zitrone.
„Sie können auch nein sagen, wenn Sie lieber alleine hier sitzen bleiben wollen!“, sagte sie, blieb noch einen Moment stehen und drehte sich dann zum Gehen.
„Bleiben Sie, …b i t t e. Mögen Sie schwarzen Kaffee und Käsekuchen?“
Sie lachte. „Wenn das nicht so wäre, hätte ich mich nicht an Ihren Tisch gefragt.“ Sie nahm zwischen Mia und dem leeren Stuhl Platz. In dem Moment kam die Bedienung mit einem Stück Käsekuchen und Sahne und einem Cappuccino an ihren Tisch.
Mia schaute sie an. „Sie haben die Bestellung vorher aufgegeben?“
„Ja, das mache ich immer so, bzw. ich komme so oft hierher, dass ich keine Bestellung mehr aufgeben muss, sie wird ganz automatisch zu mir gebracht, egal, wo ich sitze.“
„Also, selbst, wenn Sie bei mir und meinem leeren Stuhl sitzen?“
„Ja, selbst dann. Ich bin übrigens Getrud Fahringer, pensionierte Schulsekretärin. Entschuldigen Sie meine Unhöflichkeit, aber ich wollte vor dem ebenfalls pensionierten Herrn Doktor“, sie wies auf einen älteren Herrn, der ein paar Tische weiter herübernickte, „fliehen. Also, gewähren Sie mir Asyl?“
Mia lachte. „Natürlich, sehr gerne! Ich hoffe nur, dass sich der Herr Doktor nicht durch das dritte Gedeck eingeladen fühlt.“ Sie schaute nachdenklich auf das unberührte Gedeck.
„Nein, das wird er nicht. Er hat eine sehr gute Kinderstube genossen. Also, junge Dame, zu wem habe ich mich denn gerettet?“ Mit diesen Worten nahm sie einen großen Löffel Sahne und ließ ihn im heißen Cappuccino untergehen.
„Ich bin Mia und …“ Sie schluckte.
„Sie müssen mir Ihren unsichtbaren Gast nicht vorstellen, wenn Sie nicht mögen, obwohl ich natürlich schon sehr neugierig bin, wer genauso gerne Käsekuchen isst wie ich.“
„Der leere Stuhl …Herr Klauber wa r Café-Genießer und täglicher Kalenderblatt-Abreißer.“
„Hallo Herr Klauber, schön, Sie kennenzulernen.“
Mia schaute sie an. „Sie sind nicht …?“
„…irritiert, verwundert? Nein, das Leben kann mich nach vierzig Jahren an der Schule nicht mehr verwundern. Überraschen, ja und genau das mag ich. Das Leben mit einem Löffel Sahne obendrauf.“
Mia seufzte. „Das tut gut, Herr Klauber, wir haben wieder Gesellschaft.“ Und drei weitere Löffel Sahne saßen sie schweigend beieinander und genossen gemeinsam das bittersüße Klaubergedeck.
Und irgendwann begann Mia zu erzählen, einfach so …

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