Neuer Mia-Text II

Aus einem Einkaufszettel entstanden:

Kurz vor zwanzig Uhr. Getrud war mal wieder den ganzen Tag nicht zum Einkaufen gekommen. Irgendwie waren ihre pensionierten Tage ohne strukturierte und festlegende Arbeit mit all ihren Möglichkeiten immer so schnell vorbei.
Erst war sie mit ihrer besten Freundin Erika bei Spetsmann frühstücken, wie immer zu lang und zu ausgiebig und mit viel zu viel Kaffee. Und wie immer hatten sie geredet über dies und das, über ihr Leben, über Bücher und über die wenigen Männer, die noch lebten und als Kavalier für seltene Theaterbesuche und Lesungen noch als Begleitung in Frage kamen.

„Wenn der Franz noch leben würde…“ Mehr sagte Erika nicht, denn ein Blick in Gertruds abweisendes Gesicht sagte ihr, dass sie seinen Tod noch immer nicht überwunden hatte. Außer Erika wusste niemand, dass die beiden früher eine kurze Zeit mal ein Paar waren und es für Gertrud nach Franz keinen anderen Mann in ihrem Leben gegeben hatte. Erst in dem letzten Jahr vor seinem Tod waren sie mal einen Kaffee zusammen trinken gegangen.
[…]
„Bringst du mir meine drei Sünden mit?“ fragte Erika, die seit ihrer Knie-OP schlecht zu Fuß war.
„Natürlich!“, hatte Getrud gelacht und packte jetzt bei Edeka eine „Frau mit Herz“, eine Dreierpackung Snickers und eine getönte Tagescreme in ihren Einkaufskorb. Dass Erika die Zeitung las, Snickers aß und auch noch eine solche Tagescreme benutzte, wusste nur Gertud und hätte sie bei allen anderen vehement bestritten.
Getrud packte noch Hundefutter, eine Wäscheleine und Pistazien für ihre Nachbarin mit ein und ging dann noch einmal zurück. Einen Moment lang blieb sie stehen und schaute sekundenlang auf den weißen Plastikeimer am Eingang vor der Obst- und Gemüseabteilung.
„Kann ich Ihnen helfen?“ Die schnarrende Stimme der jungen Verkäuferin holte sie aus ihrer Starre.
„N-e-i-n d-a-n-k-e!“, stotterte sie, nahm schnell einen Bund gelbe Tulpen aus dem Eimer und ging zur Kasse und legte ihre Einkäufe hinter das flüssige Waschmittel für schwarze Wäsche, das Buttergemüse und den Tiefkühllachs mit den Kroketten des jungen Mannes vor ihr, der ganz in schwarz angezogen war.
Getrud verstaute ihre Einkäufe in ihren kleinen Kadett und fuhr nach Barendorf. Dort ging sie langsam zum Friedwald und legte dort die gelben Tulpen ab.
„Sie kannten Herrn Klauber auch, wieso haben sie das nicht erzählt?“, hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich. Mia, die junge Frau, die sie letzte Woche bei Spetsmann kennengelernt hatte.
„Ja, aber das ist eine lange Geschichte!“, antwortete Getrud.
„Sie wissen ja, ich liebe Geschichten und Kaffee und Käsekuchen wie Sie …“ Sie zögerte kurz: „…wie Herr Klauber!“

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