Die Häuserflüsterer oder wie alles auch hätte sein können

Bild: Sabine Stähler

Mia öffnete ihr Dachfenster und merkte erst da, dass sie erst einmal ganz tief Luft holte, den zurückliegenden, lärmenden Tag über die Dächer der Nachbarhäuser hinaus schickte und den Abend und die klare, frische Luft begrüßte. Die Geräusche des Tages verschwanden in der zunehmenden Dunkelheit des Abends. An der Grenze zwischen Abend und Nacht begann ihre Straße leise Geschichten zu erzählen.
Sie schaute auf das kleine Fachwerkhaus in ihrer Straße hinunter, das kürzlich gekauft worden war und mit dem seine Besitzer jetzt Großes vorhatten: „Das Haus der kleinen Leute“. Die Vorbereitungen für den Tag der Offenen Tür am kommenden Samstag liefen auf Hochtouren.

Mia nahm sich einen Stuhl, stellte eine Tasse Kaffee, einen Block und ihren neuen Füller auf die Fensterbank und hörte dem „Haus der kleinen Leute“ zu.
„Häuserflüsterin!“, lachte sie und begann zu schreiben. „Herr Klauber, heute standen Sie im IKZ. `Sogar die kleine Dachkammer, in der man sich kaum umdrehen kann, war an einen alleinstehenden Herrn vermietet.‘ Jetzt ist es heraus, Sie haben mal in diesem Haus gewohnt. Und jetzt bewahre ich Ihren Traum in meinen Zeilen.“
Franz Klauber schaute auf den Mietvertrag in seiner Hand. „Sie sind sicher, dass Sie das wirklich tun wollen. Es ist eine sehr …“ Der Vermieter machte eine kurze Pause, „…sehr kleine Dachkammer!“
Herr Klauber nickte. „Ja, genau so soll es sein!“
Und noch am Abend zog Herr Klauber für den Sommer mit seinen wenigen Habseligkeiten in die kleine Dachkammer ein. Viel Platz war hier nicht. Ein Bett, ein Nachtschränkchen, ein kleiner Tisch und ein wackliger Stuhl. Auf den Tisch kamen seine eigene Kinderzeichnung von dem Haus und seine drei Bücher, ohne die er nirgendwo hinging: Edgar Allan Poe. „Das Haus von Usher“. Fernando Pessoa. „Das Buch der Unruhe“. Erich Kästner. „Die lyrische Hausapotheke.“
„In allen drei Büchern finde ich die Literatur, die mich trägt und nährt. Mehr brauche ich nicht, wenn ich in das alte Haus ziehe und seiner Geschichte zuhöre.“
„Willst du dort schreiben?“, fragte sein bester Freund Alfons, der mit ihm im Antiquariat beim Vater von Franz Klauber arbeitete.
„Nein, einfach nur zuhören. Diesen Sommer will ich nur zuhören. Nicht der Welt. Nicht den Menschen. Diesem Haus will ich zuhören.“ Franz Klauber machte eine kurze Pause und es schien, als käme er von ganz weit weg wieder in das Gespräch zurück. Er fuhr fort. „Hier bin ich immer mit meiner Mutter am Samstag vorbeigekommen, wenn wir aus Altena hierherkamen, um meinen Vater vom Antiquariat abzuholen.“
„Dieses Haus hat Seele, mein Junge. Wenn du ganz still bist, wirst du es sehen und hören!“ Dann waren sie beide für einen Moment dort vor dem alten Fachwerkhaus stehengeblieben und hatten gelauscht. Seine kleine Hand lag dabei immer in der großen Hand seiner Mutter. Er hatte anfangs nichts gehört, aber geschaut hatte er und sich jede kleine Einzelheit eingeprägt und dann zuhause solange aus dem Gedächtnis gemalt, bis er das Haus perfekt gemalt fand. Ein Jahr, bevor seine Mutter plötzlich starb, hatte er ihr das Bild geschenkt und sie hatte vor Rührung geweint, einen kleinen silbernen Rahmen gekauft und es im Wohnzimmer auf die Anrichte gestellt.
„Wenn ich groß bin, kaufe ich das Haus und schenke es dir!“, hatte er stolz erzählt und fortan sein ganzes Taschengeld, das er nicht für Bücher ausgab, gespart.
Sein Vater hatte nach dem Tod seiner Mutter keine Zeit mehr mit ihm an dem Haus vorbeizugehen, zu sehr war er mit seinem Leben als alleinerziehender Vater und der Trauer über den Verlust seiner Frau beschäftigt. Er sah nicht, wie sehr auch sein Sohn litt und noch weniger sah er, wie wichtig es für den Jungen wurde. Immer wieder, wann immer er konnte, lief Franz jetzt zu dem Haus, setzte sich auf den Bürgersteig davor, skizzierte das Haus und hörte ihm zu.
Irgendwann gab der Vater auf und ließ ihn da sitzen. Und irgendwann konnte der kleine Franz das Haus und die Erinnerung an seine Mutter dort zurücklassen.
Erst viele Jahre später, als er erfuhr, dass oben im Haus eine kleine Dachkammer leer stand, nutzte er die Gunst der Stunde und mietete sich dort für einen Sommer lang ein.
Man sah ihn in diesem Sommer nicht oft, den Franz Klauber, aber als er nach dem Sommer wieder auszog, war sein Gesicht entspannt und der dunkle Schatten der Traurigkeit hatte ihn verlassen.
Dass er in diesem Sommer seine Frau kennenlernte, war ein gutes Zeichen, fand er und das Bild von dem Haus im silbernen Rahmen stand fortan auf der Anrichte ihrer gemeinsamen Wohnung.
Mia schaute auf, trank den kalt gewordenen Kaffee aus und flüsterte: „Danke für diese besondere Geschichte, danke!“

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