Mein Brief an Elli

„Beim Studium der Geschichte macht mich immer wieder die Tatsache traurig,
dass wir sie erst nachher studieren.“

Alfred Delp

Liebe Elli, (darf ich dich so nennen?)

ich habe dir heute eine Kerze in der Andreaskirche angezündet. Ich wollte deine Worte lesen und bin so ein wenig ungewollt in eine katholische Messe „geraten“. Das war ganz gut, auch wenn ich auf ritualisierte Kirche alles andere als stehe. Die Worte des Paters waren gut. Er hat Alfred Delp zitiert. Diesen Menschen zu zitieren, war das erste Plus, die Auswahl des Textes das Zweite: „Lasst uns das Leben, die Menschen und die Dinge mit ihrem Namen nennen.“
Es war eine für mich sehr würdevolle und besinnliche Atmosphäre, nur ab und an klangen die typischen Düsseldorfer Samstagabend-Altstadtgeräusche durch die Türen in das Kirchenschiff. Sie wirkten weniger in ihrer Laustärke als in ihrer Präsenz deplatziert, aber sie sind genauso Teil dieses Ortes, wie alles und alle anderen eben auch.

Und dann sind meine Gedanken, die eh schon die ganze Zeit bei dir waren, noch einen Schritt näher gekommen, um wieder respektvoll und gebührend Abstand zu nehmen.
Wie anmaßend und arrogant bin ich doch, zu glauben, ich käme daher und könne deine Geschichte aufschreiben?!
Ich, die dich nicht kannte, die aus einer ganz anderen Stadt kommt als du, die extra wegen dir angereist ist, um dich in deinen zurückgelassenen Worten zu finden. Ich habe sie nicht gelesen, deine Worte, das schien mir auf einmal nicht richtig, nicht angemessen, zu nah und zu persönlich, weil es deine sind und zu wenig weiß ich von dir.
Ich habe dort in der Kirche nur behutsam Seite für Seite umgeblättert, ganz vorsichtig, so, als würde ich befürchten, die Wörter wären sonst nicht mehr da, würden verschwinden und sich vor mir verbergen. Ich habe nur bis zu deinem Todestag zurückgelesen, weiter konnte ich nicht zurücklesen. Gelesen habe ich aber all die Einträge, die für dich geschrieben worden sind. Die habe ich sehr gerne gelesen.
Würde ich rauchen, würde ich heute Abend eine nach der anderen rauchen. Würde ich trinken, würde ich mich heute Abend richtig betrinken, da ich nichts vertrage, reicht mein erster Gin Tonic im Motel One vollkommen aus.
Weil ich schreibe, schreibe ich heute Abend bis ich alles geschrieben habe, was mir im Kopf herumschwirrt. Alles, was nach Antworten sucht, die ich morgen noch einmal im Hellen suchen werde.
Du hältst mir, die ich im selben Alter bin, brutal den Spiegel vor. Mein Leben ist ein so völlig anderes, glaube ich. Und ich glaube zutiefst, dass wir alle in eine solche Situation geraten können … Wir alle wissen nicht, was das Leben noch mit uns vorhat.
Mein Leben ist ein verdammt gutes Leben. Ich bin gesund, habe meine Familie, habe ein Dach über dem Kopf, einen guten Job und kann das tun, was ich liebe: schreiben.
Bin ich nur durch meinen Wunsch zu schreiben, über dich zu schreiben, die, die das tun darf?
Bin ich die, die genug Einfühlungsvermögen und Gespür für dich und dein Leben hat?
Oder sind es nicht vielmehr andere, die, die dich kannten, die mit dir gelebt haben, denen genau die Worte zustehen, die einfach nur jemanden brauchen, der ihnen und damit dir eine Stimmt gibt, die bleibt.
Ich weiß es nicht, ich bin in der Messe sehr nachdenklich und sehr unsicher geworden. Unsicher zu sein und zu bleiben, in meinem Schreiben und seinen Ambitionen. Ich habe mir eine besondere Form deiner Geschichte gewünscht, die weiter bleibt.
Vielleicht nur mein egoistischer Wunsch! Alles andere erscheint mir heute sehr, sehr anmaßend.
Nachdenkliche Grüße,
auch oder gerade, weil ich dich nie kennenlernen konnte,
Sabine

  1. Sonja sagt:

    …genau das zeichnet dich und deine Sensibilität aus, weil du auch noch mitten in der Geschichte, die dich schon längst gefangen genommen hat, überlegst, was du darfst und sollst.

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