KaffeeRandSchweigen

Berlin. Ostkreuz. Marktstraße. Kaffee in einer mintfarbenen, kleinen Tasse vor mir. Eine Blume mit Herzblüte im Milchschaum. Noch bestaune ich das Kunstwerk. Eine schmale Gestalt kommt näher. Bleibt stehen. Hebt das rechte Bein, winkelt es nach hinten ab, fummelt am Schuh, setzt dann den Fuß wieder auf den Boden. Der Fuß steckt in grau karierten Pantoffeln, die gefüttert sind. Wie mein Opa sie trug, denke ich. Da begegne ich seinem Blick und falle hinein in ein abgrundtiefes Schwarz.

Er schaut schnell weg, kommt näher. Sein Blick bleibt abgewandt, bis er fast vor mir steht. Ich hebe spontan die Hand, zeige auf den leeren Platz vor mir und auf den Kaffee vor mir auf dem Tisch. Er schaut mich an, stoppt einen Sekundenbruchteil in seiner Bewegung. Seine Hand geht suchend zum Reißverschluss seiner grauschmutzigen Trainingsjacke.
Er geht weiter, meine Gänsehaut bleibt bei mir. Ich friere. Sein Blick, den die Mittagssonne nicht erreicht und nicht wärmen kann. Ein Schatten fällt auf den Tisch und den Kaffee und meine Gedanken. Seine Augen fragen stumm. Doch …
Ich nicke schweigend und schiebe die Tasse Kaffee hin zu ihm. Er setzt sich bedächtig in diesen besonderen Moment, so, als wäre er eine Seifenblase, die jeden Moment zerstört werden könnte.
Worte braucht es nicht. Seine Hände zittern als er zugreift und behutsam den ersten Schluck trinkt. Die Schwärze in seinem Blick leuchtet kurz auf. Seine Hingabe macht mich schweigsam und seltsam ruhig.
Diesen schweigenden Moment am Kaffeerand wird meine Seele bewahren. Nie wieder kann ich einen Kaffee trinken, ohne an ihn und seine Augen zu denken. Abgrundtiefes Schwarz, das für einen Moment lang aufleuchtete.

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