Von draußen …

Foto: Marktsraße Oberhausen, WeinLounge Le Baron und Literaturhaus Oberhausen
Er zog seinen alten, dunkelblauen Hackenporsche hinter sich her. Den hatte er mal gefunden, neben den Einkaufswagen bei Penny. Bis auf ein blaues Bilderbuch mit einem Bären vorne drauf, war er leer und ausgeräumt.
Der Bär und das Wörterglitzern“ hieß das Bilderbuch und auf der ersten Seite stand: „Für Andreas, der Wörter liebt“. Er hatte ganz vergessen, wo er war und behutsam durch das Buch geblättert. So eins hatte er selbst früher nicht gehabt. Er hatte immer die abgelegten Superman-Comics seines großen Bruders gelesen. „Bücher sind Weiberkram!“, hatte der gesagt und der kannte sich aus, denn er rasierte sich da ja auch schon und hatte eine Freundin, Sandra, und die las diese dicken Fantasy-Bücher. Als er älter wurde, begann er den Kicker zu lesen, weil er selbst Fußball spielte.
„Können Sie bitte mal an die Seite gehen. Und nehmen Sie bei der Gelegenheit ihren Wagen da weg …!“

„Und sich bitte mit dazu!“, forderte die Pause nach dem letzten Wort der unfreundlichen Stimme. Das er verschwinden sollte, brauchte keine Worte, das hörte er aus dem Nichtgesagten immer heraus. Und so hatte er sich „bei der Gelegenheit“, seine Oma hatte das auch immer gesagt, das Buch und den Porsche geschnappt. Ein wenig eingerissen an der einen Seite war der ja schon, aber sonst o.k. und wasserfest, das war wichtig. Und ein bißchen zerrissen war er ja irgendwie auch, deshalb passten sie auch gut zusammen.
Das war vor zwei Jahren gewesen. Junge Leute belächeln seinen blauen Porsche bis heute, seine Einkaufstasche auf zwei Rädern, weil sie heute niemals daran denken, dass sie einmal in dieses Alter kommen. Hätte er früher auch nicht gedacht, dass er mal so etwas brauchen wird oder mal selbst in dieses Alter kommt. Und das wäre er ja auch fast nicht, gekommen, in dieses Alter.
An diesem Tag war er bis zum nächsten Büdchen und hatte dort mit einem Bier noch einmal und noch einmal in dem Buch geblättert. Er hatte seitdem schon oft darin gelesen.
Er wusste ja, dass die Menschen so viele Dingen einfach irgendwo stehenließen oder achtlos wegwarfen, wenn sie sie nicht mehr brauchten. Wie diesen Hackenporsche, aber Bücher, das hatte er nie verstanden. Bücher waren aus Papier und Buchstaben, die wärmten in Worten und als Decke, wenn er sonst nichts hatte.

Er bleibt vor dem hell erleuchteten Schaufenster in der Marktstraße in Oberhausen stehen, stellt seinen Porsche neben sich und schaut in das von innen hell, angestrahlte Schaufenster, in dem eine Frau auf einem roten, eckigen Sessel sitzt Neben ihr auf dem Tisch liegt ein Buch, ein I-Phone und Gläsern. Eins mit Wasser und eins mit Wein. Keins mit Bier, mit Bier kennt er sich aus. Sie dreht ihm den Rücken zu.
„Unhöflich“, denkt er. „Schaufenster sind doch für die Passanten auf der Straße“ Er schaut in den abgedunkelten Raum dahinter und erkennt erst jetzt einen weiteren Mann links im Schaufenster, der hat ein Bier vor sich stehen. Und weiter hinten, im abgedunkelten Raum dahinter schauen ihn jetzt, in etwas unordentlichen Stuhlreihen, weitere Menschen an. Er erschrickt kurz.
Mist, die Leute hat er alle nicht gesehen, als er da so stehengeblieben ist. Sonst sind hier nur die leeren Tische und Stühle, vor den Buchregalen, die darauf warten, dass endlich jemand hineingelangt und beginnt sie zu lesen. Leider ist hier fast immer geschlossen.
Er nimmt seinen Porsche und geht drei Schritte weiter.
Vorbei an dem Schaufenster und hinein in den überdachten Hauseingang, der links in den Raum mit den Büchern und der Frau im Schaufenster und rechts in die Wein Lounge führt, für die er sich als Malocher nie fein genug vorkam. Mit Wein kannte er sich einfach nicht aus und doch hätte er seine Karina gerne mal hierher ausgeführt. Sie mochte Wein und Nudeln, aber ihn dann nicht mehr, als er seinen Job verlor.
Hier ist es windgeschützter und nicht ganz so kalt. Er nimmt die Zigarettenstummel aus dem Aschenbecher mit Sand und steckt sie alle ein. Bis auf eine, die steckt er an.
„Wer die wohl geraucht hat?“, überlegt er und geht einen Schritt näher zur verglasten Eingangstür dieser seltsamen Veranstaltung. Die Frau da in dem Sessel, die liest aus dem Buch, das gerade noch auf dem Tisch vor ihr lag. Jetzt schaut sie ihn kurz an. Er spürt jetzt weitere Blicke und dreht sich schnell wieder herum, geht zum Aschenbecher und raucht noch eine.
Dabei denkt er an das Buch, das immer noch ganz unten in der Tasche liegt. Vielleicht findet er Andreas ja irgendwann und kann ihm das Buch zurückgeben. Denn bis heute ist er jeden Tag bei den Einkaufswagen bei Penny und hofft ihn zu finden.

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